Jahresgruß 2018

Wir können entwickeln,
beim Verspinnen knotiger Fäden,

können gestalten,
noch in den Falten knittrigen Papiers.

Spannen Netzwerk und Richtschnur, mit Briefkopf und Siegel.

Papierflieger auch.

 

Gehen dann und wann ein paar Schritte zurück, ins Größerwerden,
denn stapeln dabei nur,
was sonst zu wenig tief für uns wäre.

Uns schon genügen
wir
reichen über uns hinaus.

Wir richten uns ein, wenn wir die Behaglichkeit verlassen, balancieren uns aus, wenn wir nur ein bisschen schief schauen. Vor allem uns selbst an.
Und heben

das uns eigentlich Tragende. Unser Quartier.

 

 

Jahresgruß 2018

Sarah Sander für die Gute Hoffnung – leben gGmbH

Und dann gehen dir die Puppen flöten

Als ich heute den Vortragssaal des Bistro Jahreszeiten betrete – das Café ist von geschlossener Hochzeitsgesellschaft besetzt – zupft Ingrid bereits versonnen an einer Zither. Ein schwarz lackiertes Holzinstrument, mit roten und blauen Streublumen bemalt, das ihr einst Alfred zur Goldenen Hochzeit geschenkt hat. Auf einem Teewagen schiebt Ingrid im Wechsel alter Volkslieder die Notenschablonen unter die etwas verstimmten Saiten, vor Kopf eines gemütlich aus kleinen Tischen zusammengestellten Kreises, und lässt die alten aber sicheren Finger eine Melodie streicheln. Etwa einen Zentimeter über 16 Uhr, an einem Samstag im heute etwas verschlafenen Oberhausen Sterkrade.

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Als wir Locken verbrannten und durch die Wolken flogen

Heute ziehe ich mir auf dem Weg zum Café Bistro Jahreszeiten, in dem die Menschen der Gute Hoffnung leben schon zu Rhabarber mit Sahne zusammensitzen, zwei kleine Möhren aus dem ‚Garden to go‘. Sie sind ziemlich klein, gelb wie halb geschmolzenes Wassereis und schmecken etwas bitter nach Baumarktmutterboden. Als ich mit etwas langen Zähnen knabbernd durch die Tür komme, begrüßt mich Rosemarie mit einem: „UHHH, ich würde da NICHT ernten! Nachher pinkelt da einer drauf!“.

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Theaterszenen, die jemandem gehören

Die zwei Frauen versuchen, zu ermitteln, um wen es in dem Gespräch der dritten und vierten geht. Der Inhalt des Gesprächs bedarf nicht der Identität der Person. Ihr Gespräch bekommt gewisse Längen. „Man datt is der, wenn er sich bückt, watt aufhebt!“, kürzt Erika den gesuchten Niemand in ihrer schroff-redensartlichen Herzlichkeit ab. Und wir starten: unser 22. Erzählcafé Streuselkranz.

Jemand

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Eintauchen in gezuckerters Süßwasser

Heute treffe ich Renate wieder. Renate kommt viel rum und reist allein mit diversen Traumschiffen durch diverse Länder, die nicht unbedingt zu jedem Zeitpunkt traumhaft sind. Doch nach zwei Tagen hatte Renate raus, wie religiöse Kleidung zu knoten und das Silberbesteck zu bedienen war, gleich Anschluss gefunden und immer ihre Ruhe, wenn sie es so wollte.

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Erst Karvenal, dann Rheuma-Kastanien, dann: Schäumchenziehen

„Bienen sind Botschafter, die von ihrem Volk vorausgeschickt werden, um auszukundschaften, ob es schon warm genug ist,“ sagt Katrin. Sie ist Mieterbetreuerin in der Guten Hoffnung – leben in Oberhausen-Sterkrade und kennt sich als ehrenamtliches Mitglied im NABU mit klimabedingt gefährdeten Insektenarten gut aus. Katrin ist selbst eine Art ‚Arbeiterin‘ im Quartier, in dem Demenz als Teil unserer Gesellschaft integriert ist. Und mit ihrer Bienenmetapher lässt Katrin gleichzeitig eine schöne Momentaufnahme von den Männern und Frauen entstehen, die in diesem Mehrgenerationenhaus Gute Hoffnung – leben wohnen. Auf dem alten Gelände der Gutehoffnungshütte leben sie und kriechen auch so langsam aus ihren Waben, weil heute „wieder Erzählen dran ist“, wie sie mir ihre Treue bekunden. Erzählen von Früher, zum Auskundschaften unserer Zukunft.

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( ) Platz, mal kurz darüber nachzudenken

„Tschüss Kolja, tschüss Charlotte“, ruft Katrin durch die Tür, da gehen die beiden, er, der manchmal samstags hinterm Tresen hilft und sie, seine lose Freundin, die auch manchmal samstags hinterm Tresen hilft, durch die Tür des ‚Café Jahreszeiten‘ in ein nasskaltes Oberhausen Sterkrade – Hinterausgang. Er, wie er sich so geschmeidig mit Lederriemen-Rucksack und fairem Ansinnen im Gehen das Miniboard auf die Lende legt. Sie, wie sie so ihre ‚Round and Thin‘ verlangsamt den Nasenrücken hochschiebt, damit sie eine Sicht hat, die noch klarer ist. Beide verlassen sie ihren Nebenjob Richtung Samstagabend, leichtes Lächeln auf den Lippen. So leicht, dass es ist, als würde uns die schwere Automatiktür hinter ihnen mit zitterndem Sicherheitsglas in das heutige Erzählcafé einbuchten, KaWUMM. 13 Seniorinnen so zwischen 60 und 90 Jahren. Ausgenommen Katrin und mich, irgendwo dazwischen, die wir unser Erzählcafé heute zum 17. Mal geben, ein Projekt der Landesinitiative für demenzfreundliche Quartiersarbeit. ( ) Platz, mal kurz darüber nachzudenken weiterlesen