Frottierschlüpper und Aldi-Nudeln, süß-sauer

„Die Märchenerzählerin ist gestorben“, erzählt eine. „Ihre Bücher hätte ich gern geerbt“, erzählt eine andere. „Ich brauch keine Bücher“, sagt die dritte, „mein Mann hat mir im Leben genug Märchen erzählt.“

So beginnt das heutige Erzählcafé Streuselkranz, mit diesem harmlosen Humor und einem Stück Pointe, ‚gut durch‘. Ich, 33, treffe mich an einem Samstag im Monat mit 70- bis 90-jährigen Sterkraderinnen und Sterkradern, Mülheimerinnen und Mülheimern, Menschen aus dem Ruhrgebiet und willkommenen Zeitzeugen zum generationsübergreifenden Austausch. Wir reflektieren unsere Geschichten im Spiegel des anderen – viel Älteren, viel Jüngeren – und halten uns auf unsere Weise weit im Kopf. Im Erzählcafé Streuselkranz kann man überraschende Blicke auf die Gegenwart erhaschen, und ganz nebenbei die Mentalität des Ruhrgebiets im Wandel der Zeit erleben.

„Du hast es an der Stirn und schmierst es Dir hinter die Ohren?“, schnappe ich eine entgeisterte Vergewisserung Erikas auf, die vernommen hatte, dass der Tiegel eines vom Hautarzt empfohlenen Peelings gegen Hautkrebs 44 Euro koste. Aber einmal am Ohrläppchen getestet, habe Ursula auch kein weiteres Döschen des teuren Stoffs mehr bezogen: „Ich bin doch keine Diva, das kann man machen, wenn man vierzig ist!“

Heute geht es doch so ein bisschen um Krankheiten und Arztbesuche, obwohl alle Teilnehmerinnen und Helmut immer peinlich darauf achten, diese Themen zu vermeiden – und für diese Selbstachtung schätze ich sie sehr. Hier im Café Bistro Jahreszeiten, gleich neben der Guten Hoffnung – leben, sitzen wir bei Rhababerkuchen und ich folge gespannt, wie manche ihre guten Tipps handeln:

„Nee, der _____ (setzen Sie hier wahlweise ein: Haldori, Verbrecher oder Geldschneider…) is nix, kannse inner Pfeife rauchen, aber die Fraudoktor _____ (setzen Sie hier wahlweise ein: Engel, Gute Fee oder Fraudoktordoktor) neben der Shisha-Bar da am Bahnhof, die is belastbar!“ Und ich stelle fest, dass es nur wenige Stichpunkte des Insidergrüppchens bedarf, um die Kompetenz eines Quacksalbers/ einer Quacksalberin zwischen ‚menschlich‘ und ‚fachlich‘ auszuloten.

Ich bekomme einen Vorgeschmack auf das Alter, erfahre, dass Ärzt_innen mit dem steigenden Lebensalter ihrer Patient_innen immer schneller fertig werden, so schnell, „datt die meiste Zeit für datt Strumpfwiederanziehen draufgeht“. Ursula bricht die seniorigen Moves etwas auf, indem sie ihren letzten Termin etwas detaillierter und blutrünstiger beschreibt. Sie zieht die fehlenden Zwischenvorhänge auf, zoomt auf ausgerissene Fingernägel und verortet für uns kurz die Szene: „Magenspiegelungen linker Hand, Darmspiegelungen rechts“. Als alle aufschreien und „Iieehh!“ rufen, entgegnet Ursula ihrem Auditorium überzeugt: „Aber ich hab doch gesagt, dass ich Blut sehen kann!“

Tiefenbestrahlung gegen Rheuma könne man sich sparen, weiß Erika zu empfehlen, Quark helfe genauso, der spende seine Feuchtigkeit und bröckele dann aus dem Gesicht.

Vor meinen Augen entsteht ein Bild von einer adretten Lockenperücke, deren Talkumpuder sanft aus den Leinwandrissen einer Ölbild gewordenen Erika stäubt.

„Da habe ich in der Praxis angerufen“, erzählt uns die Ikone weiter, „und mal zurückgemeldet, wie gut datt hilft und datt man überhaupt nix anderes als Quark braucht und danach habe ich den Löffel abgeleckt, war lecker, haha!“

Ich erfahre, dass die Rente um 1,9 Prozent erhöht worden, dafür der Strom kaum noch bezahlbar sei. Im Centro Oberhausen gebe es eine Kirche, die allen gehöre: „Moslems, Neuapostolen, Evangelen…“, erklärt Ursula. Sie erzählt auch, dass sie einmal eine Moschee besucht habe, und dass der Imam ihr eine Widmung in ihren Koran geschrieben habe, die sie nur nicht lesen könne. Es sei zwar schon ein paar Jahre her, aber „das leckere Essen schmeckt mir immer noch“, sagt Ursula und hält sich sogleich spitzbübisch und verhuscht die Hand vor den Mund wie ein Kind, das sich eben eine unverdiente Schokoladenlinse in den Mund gesteckt hat. „Die Schuhe mussten wir uns ausziehen“, nimmt Ursula den Faden noch einmal auf, bevor Rosemarie ins Christentum springt und kurz informiert, dass das Läuten eine Totenglocke 5,00 Euro koste.

Mein entkoffeinierter Kaffee ist noch lauwarm, da komme ich mit einer Frau ins Gespräch, die eine Kette aus Tigeraugen trägt, in Prismaform die einzelne. Bis zur Siedlung Eisenheim sei sie mit einer Freundin gelaufen, berichtet sie mir, „Volkspark Schmachtendorf, überhaupt kein Problem für mich.“ Erika erzählt vom Finkenkamp und vom Ginsterweg, von der Siedlung Heimaterde, wo sie noch vor fünf Jahren gewohnt habe. Sechs Leute von Krupp hätten dort jeden Sommer am Ententeich gegrillt, bis einer mal ins Wasser gefallen und ersoffen sei: „Da wo heute die Brücke ist, da hat früher der Sprungturm gestanden.“

„Ich habe in der Adria schwimmen gelernt“, steigt Erika in unser Gespräch ein. Zuhause seien die Kinder üblicherweise im Rhein-Herne-Kanal unter den Schiffen entlang getaucht. Aber ihr habe der Vater diese waghalsigen Gänge verboten. „All meinen Freundinnen und Freunden hat der das Schwimmen beigebracht, nur mir nicht“, erinnert sich Erika, ungebrochen entrüstet, (auch wenn sie, wie sie uns durch die Zeilen flüstert, auch nicht die stromlinienförmigste Schülerin gewesen sei.)

Jeden Sommer in den 60er-Jahren haben sich Erika zusammen mit ihrem Bruder und ihrem Vater, drei Stullen und einen Muckefuck, Richtung Schwimmbad aufgemacht. Der Freund des Vaters war kinderlos und „hat sich einen Jux daraus gemacht, mich anzufeuern: ‚Wenn Du da runter springst, kriegste ’n Bratwürtchen!‘“ PAUSE „Ja, und das habe ich natürlich gemacht!“. Ein langes Lakritz, den sogenannten Texasgürtel, gab es für eine „Arschbombe“ dazu, nur Bauchklatscher hätten ziemlich weh getan, „da habe ich dann irgendwann lieber auf dem Boden des Schwimmbeckens nach 5-Pfennig-Stücken getaucht.“

Damals kostete der Eintritt in ein Freibad 50 Pfennig, davon könne man heute ja noch nicht einmal auf die Toilette gehen, lacht Erika. Aber heute würde sich Erika auch keine Badehose mehr mit dem Bruder teilen, wie sie ihre damals dem fünf Jahre Älteren überlassen musste, die eigene Scham mit einem Frotteeschlüpper bedeckend.

Das Lachen mit Erika, und wie sie sich vor den Freunden ihres Bruders schämte, ist spontan und laut. Wie sie sich als Fünfjährige so hart ihre Groschen verdiente – sprang, schwomm und tauchte – ist vor allem ein beherztes Mitfühlen. Ein gemischtes Mitfühlen der Frauen und Männer an eigene Szenen aus ihrer Kindheit, die sich für immer eingebrannt haben sollten, weich und rau, wie Frottee-Garderobe mit Gummizug.

So lange es gehe, wolle Inge ohne Krücken laufen. Heidemarie erzählt davon, wie sie mit ihrem ein Gurkenglas zu transportieren versuchte und stolperte. Irmgard bete immer dann, sagt sie, wenn sie ihre Gehhilfe irgendwo abstellen müsse, weil nur Rolltreppen in die richtige Abteilung der Markthalle führten:

„Lieber Gott, pass mal eben auf meinen Rollator auf“.

Der Kaffee ist nun kalt, die Geschichten klingen noch ein bisschen warm nach. Von Ursula bekomme ich Wegzehrung, ein bisschen von ihrer selbst bekannten Faulheit, „eingefrorene Salsakartoffeln, Kartoffelsalat und Röstkartoffeln“ und die Empfehlung, mit der besten Freundin essen zu gehen. Da könne man sich den Mittagstisch teilen, wenn Joghurt und Schokolade zum Halse raushingen und wenn die Aldi Nudeln aus sind, „die Süßsauren“.

 

 

 

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