Erst Karvenal, dann Rheuma-Kastanien, dann: Schäumchenziehen

„Bienen sind Botschafter, die von ihrem Volk vorausgeschickt werden, um auszukundschaften, ob es schon warm genug ist,“ sagt Katrin. Sie ist Mieterbetreuerin in der Guten Hoffnung – leben in Oberhausen-Sterkrade und kennt sich als ehrenamtliches Mitglied im NABU mit klimabedingt gefährdeten Insektenarten gut aus. Katrin ist selbst eine Art ‚Arbeiterin‘ im Quartier, in dem Demenz als Teil unserer Gesellschaft integriert ist. Und mit ihrer Bienenmetapher lässt Katrin gleichzeitig eine schöne Momentaufnahme von den Männern und Frauen entstehen, die in diesem Mehrgenerationenhaus Gute Hoffnung – leben wohnen. Auf dem alten Gelände der Gutehoffnungshütte leben sie und kriechen auch so langsam aus ihren Waben, weil heute „wieder Erzählen dran ist“, wie sie mir ihre Treue bekunden. Erzählen von Früher, zum Auskundschaften unserer Zukunft.

Heute, wenn sich die ersten tapferen Krokusse Ende Februar schon durch die frostigen Krusten brechen, treffen wir uns zum unserem 18. Erzählcafé Streuselkranz, einem Projekt für die NRW Landesinitiative Demenzfreundliche Quartiere.

  • Für ein Auflösen der Unterscheidung von Gstern und Heute
  • Für ein Wachrufen der Frage: Wie möchten wir leben, jetzt und in hohem Alter?
  • Wo ist das ‚Jetzt‘ hier im Ruhrgebiet zu finden?

„Und diese dicken, die Narzissen, die habe ich auch schon gesehen“, lässt die 82-jährige Irmgard als Bild stehen: „Und es wird Zeit, dass an der A 40 wieder die Forsythien glühen (!)“ Die seien irgendwie kitschig-ordinär genug, um der Tristesse der Ruhrschnellwege durch das Ballungsgebiet zu trotzen.

 

Wann genau die Eisheiligen seien, das kann Irmgard mir nicht sagen, als ich interessiert etwas in dieser jahreszeitlichen Schläue der Alten nachbohre. Dafür weiß sie aber auch noch, dass Kastanien der Gicht vorbeugen. „JA! Im Herbst, wenn sie fallen, eine links und eine rechts in die Manteltasche gesteckt,“ weiß auch Katrin von ihrer Oma. „Eine Zwiebel bei Vollmond über die Schulter aus dem Fenster geworfen“ beuge Erkältungen vor, behauptet dann Norbert und betont, dass nicht wissenschaftlich beweisbar sein muss, was einen so bis ins hohe Alter gesunden könne. Denn zwar sei „Spargelwasser schlecht für die Nieren“, kann Rosemarie mir sagen, aber auch nur, weil sie bereits über 90 Jahre alt geworden ist.

Stefan Welbers, der Leiter der Einrichtung Gute Hoffnung – leben, die den Rahmen für unser monatliches Erzählcafé jeden 4. Samstag im Monat gibt, sei an Karneval „ganz aus sich herausgegangen“, berichten mir die Bewohner der Appartements. Aber Katrin, Restaurantleitung des Café Bistro Jahreszeiten, in dem wir uns treffen, relativiert, „naja, als Kapitän!“ ,und dass das ja nur eine karnevaleske Interpretation seines Auftrags hier sei, nämlich die Vision der Guten Hoffnung – leben auf Kurs Richtung Zukunft zu bringen.

Ich verschwinde jeden Tag erst einmal in den Bereichen, weil das mein Auftrag, der Auftrag unseres Handelns ist. Ich trinke dann Kaffee in einer der Hausgemeinschaften und setze mich an die Bettkante, rieche schlafenden Atem, sehe einen Brustkorb, der sich hebt und senkt, höre ein schweres Luftholen und versuche den Grund für mein Dasein an diesem Ort zu erspüren.

(Aus: ‚Gute Hoffnung – feiern‘, Jubiläumsbroschüre anlässlich des 5-jährigen Bestehens der ‚Gute Hoffnung – leben‘ gGmbH)

„Nonnen sind doch immer ein gutes Kostüm, oder?“, „Nein! Roy Black! Schmidtchen Schleicher!“, „Oder, nein, Helge Schneider, haha.“ „Der ist doch kein Kostüm!!!“, streiten sich die heute 12 Frauen und ein Mann zu Schokoladenkuchen und Obstboden, bei Heißgetränken mit leichter Koffein-Note und Wasser mit „vielen Läusen“. „Der Potthast vom Sozialdienst ist so eine gewaltige Erscheinung mit seinem breitem Kreuz und den kräftigen Schultern, die depperte Perücke kann er sich da gut leisten!“, sagt eine, und eine andere: „Ja, das kann er. Ich erinnere mich noch, wie der meinen Mann aus dem Bett gehoben hat, ganz behutsam, wie ein Streichholz, das sich nicht entzünden darf. Ein feiner Mensch. Die sind unverzichtbar, diese guten Menschen.“

Ich erfahre vom großen Karnevalsfest und komme mit Rosemarie ins Gespräch über Oberhausen-Osterfeld und den berühmten Oberhausener Kinderkarneval. Von Ingrid lerne ich die Wendung ‚Matratzenball‘ kennen für ein mundartliches ‚Hab es mir zu Hause gemütlich gemacht‘ und werde in die sogenannte ‚Mainzer Jahreszeit‘ eingeführt. Da machten am Neujahrstag die ersten Faschingswagen ihre Züge, erzählt Rosemarie, da würden von den Eltern ‚Tanzmariechens‘ Plaketten verkauft, um die Garde für das ganze Jahr finanzieren zu können. „Mit 150 Euro muss man da schon rechnen“, erklärt uns Rosemarie teuer, „und wenn man drei Kinder hat?“, fragt Agnes, „dann sind das 450 Euro“, schließt Ursula in ihrem gewohnt trockenen Humor, englische Dame, die für jegliche Tollheiten, ob nun an Neujahr, vorösterlich oder am 11.11, nichts übrig hat. „Aber die Prinzen bekommen für ihren Auftritt Geld“, will Ilse besänftigen und wird jäh von Angela unterbrochen, die daran erinnert, dass der diesjährige Karneval in Essen an der Ruhr von der AfD überschattet werde. Angela lebt seit 93 Jahren in dieser Welt und sie weiß, wovon sie spricht.

„Wir haben immer bei uns im Keller weitergefeiert“, lenkt Rosemarie schnell vom Thema weg und erklärt auf Ingrids Nachfrage, was ‚weiterfeiern‘ heiße, „na, gesungen, getanzt, wenn irgendwo Schluss war eben“. Auch der Pastor habe mitgefeiert, das ist Rosemarie zu sagen ganz wichtig, nur verkleidet habe der sich nicht müssen, „das brauchte der ja nicht“, lacht es aus einer Ecke des Kaffeetischs.

In ihrem Dörfchen im Sauerland, wo auf 500 Einwohner 497 Katholiken kamen, sei alles links und rechts der Prozessionen argwöhnisch betrachtet worden, räumt Katrin im Karnevals-Chaos etwas auf. So nach dem Motto ‚Am Mittwoch hole ich mir das Aschekreuz‘ habe dort jeder die Hütten in den privaten Gärten belegt, sofern er nur ganz sicher schon „anderweitig liiert“ war.– Inge wirft da schnell ihr Kostüm ein, aus Glöckchen und Talern sei das gewesen, kling kling, ein Etagenkleid, mit dem sie über die Straßen gehüpft sei, weil ihre Mutter es so liebte, sich zu verkleiden und aus ihrer Rolle zu treten, in den 50er-Jahren, und das Kleid habe immer so schön geklingelt: „Eine Münze, ein Glöckchen, eine Münze, ein Glöckchen, dann wieder eine Münze, und ein Glöckchen“ spielt Ingrid mir mit ihrem engelsgleich hohen und ebenso rauen Stimmchen vor, das leicht bricht, und das noch mehr zu bedeuten scheint als ein Karneval je hätte können.

Von Matrosenmützen über Polyesterlocken bis zu Papiertröten kommen wir zum Thema Hamstern; nicht jenem Sammeln während der Zeit der letzten Kriegsjahre, das die Menschen im Ruhrgebiet zu Deputatkohleverbünden zusammenschloss. Nein, es geht um das Betteln an Türen, das heute noch salonfähig ist. In den 50er-Jahren war es streng verboten, mit Fistelstimmchen um Brause zu nörgeln, sagt Erika, „und ich hätte ja so gern einen Dauerlutscher gehabt.“ Die Inbrunst ist heute noch ganz wach, das Gefühl, das in Erika wie vor 60 Jahren zu einer riesiegen, rot-weiß gestreiften Zuckerstange wächst,  „aber an der Tür des Nachbarn zu klingeln, nein, das hätte ich nicht gewagt, das hat mein Vater mir strikt verboten.“ Der Notstand lag nicht weit genug zurück.

„Halloween soll von den Kelten überliefert sein,“ bringt Katrin unser Lolli-Gespräch wieder auf die zeitgeschichtliche Schiene und erzählt von Jugendlichen, die Eier gegen ihre Tür schmissen, als sie nach der siebten Scream-Variante mit Kinderschokolade in den Mundwinkeln keine Maoams mehr hatte. „Morgen musst Du sterben“, hatte ihr Biene Maja gedroht, und Ingrid sagt mit der trockenen Ironie, wie sie nur eine 85-Jährige kann: „Das zu wissen wäre fein, was?“

„Früher gab’s Karnickel,“ rückt Erika mit kurzem Gedankensprung zurecht, „da ist nicht viel dran, die Bollen, die Pfoten…“, „ich kriech die schweren Töppe nich mehr hoch“, sagt Heide und lacht, dass sie ihre erste Martinsgans für 12 Personen geplant hatte.

Wir verweilen noch ein bisschen bei gespritztem Schinken und der Praxis des Pökelns von Fleisch, kommen zu der schlechten Laune und dem Mundgeruch, den Heilfasten samt Leberwickel verursachten und landen beim ‚Schäumchenziehen‘, einem Bild, das, wie auch das der Bienen, so schön das Erzählcafé Streuselkranz und diesen Blog beschreibt:

Man nehme echtes Lakritz (oder Kandis), fülle eine Flasche Wasser darauf und ziehe: den herrlichen Schaum, der dabei entsteht.

 

 

 

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