Mein letzter Streich soll lachen machen

Vera

Wenn ich so ein tolles Model bin, dass ihr mich mit euren Röhren aus allen Perspektiven ablichtet – na, wo bleibt dann meine Gage?
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Sie rief an einem Montag im Dezember 2014 an und stellte sich vor.

Sie sei Mutter zweier Kinder, zu denen sie ein gutes Verhältnis habe. Sie habe Krebs, aber noch lange nicht im Endstadium. Und sie wolle – das sei ihr wichtig – ihren Töchtern und ihrer Enkelin etwas dalassen. Aufschreiben könne sie das, was sie erlebt habe, das, was nach ihrem Tod ihr Leben gewesen sein wird, nicht selbst, weil sie in ihrer Situation gefangen sei.

Vera spricht sanft und bestimmt. Schwermut liegt auf ihrer Stimme. Sie macht sie leise genug, dass man ihr sofort aufmerksam zuhören möchte. Und sie macht sie eben so laut, dass man die 71-Jährige sofort für einen starken Menschen hält.

Als ich sie das erste Mal traf, nahm ich gleich ihre freundlichen Augen wahr. Sie verschwanden immer dann fast ganz, wenn sie etwas verschmitzt in sich hineinschmunzelte. Trotz ihrer Situation. Oder gerade wegen ihr –.

Es nervt mich, wenn sie mir mein Skelett durchleuchten. Vielleicht will ich ein bisschen aus Trotz meinen guten Humor strahlen lassen. Denn auch der lässt sich diagnostizieren, mein Spaß. Er ist da. Den möchte ich für meine Töchter festhalten. Lustiges, das auch heute noch passiert, und das Heimliche, das wir früher taten, sind überhaupt das, was ich hierlassen möchte.

Ich gehöre einer Generation an, deren Eltern traumatisiert waren. Der Krieg hinterließ Trümmerschäden im Denken und Handeln, auch für uns Kinder. Wie verschroben die Gewohnheiten waren, so seltsam manch eine Situation, fällt mir erst jetzt beim Erzählen auf. Damals habe ich alles, vor allem als Kind, einfach so hingenommen. ‚Einfach‘ ist es aber gerade nicht gewesen.

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Ich war ein Kind für mich

Ich war das erste von drei Mädchen und lebte von meinem ersten bis zu meinem fünften Lebensjahr bei meiner Oma. An ihren Namen, Elisabeth, konnte ich mich lange nicht erinnern. Sie war einfach Oma. Wegen eines schweren Keuchhustens, den ein Kind 1944 kaum überleben konnte, brachte man mich zu der Mutter meines Vaters nach Horhausen im Westerwald. Aus dem Rheinland-Pfälzischen holten meine Eltern mich bis zu meinem fünften Lebensjahr nicht mehr ab, weil sie, wie sie mir sagten, nicht ohne Reisegenehmigung durch die britische und französische Besatzungszone reisen durften. Diese fünf Jahre bis zu meiner Einschulung, in denen ich Wiesen hinunterrollte und im Matsch spielte, sollten die wichtigste Zeit in meinem Leben gewesen sein.

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Milchkannen, frisch gebackenes Brot und Freiheit

Meine Zeit in Horhausen bei meiner Oma verbrachte ich am liebsten mit Hänschen.

Ich war drei oder vier Jahre alt, da zogen wir durch die Dörfer und ‚arbeiteten‘. Es gab keine Wasserleitungen in den Dörfern, sondern offene Brunnen, die in eine Tiefe gingen, die für uns unergründlich war. Eines Tages hatten Hänschen und ich beschlossen, dass wir uns auf den Rand des Brunnens setzen wollten. Die Beine konnten dann so schön im kühlen Wasser baumeln. Die Erwachsenen waren mit ihren eigenen Beschlüssen beschäftigt, bis sie plötzlich – das war für uns noch viel unergründlicher – schimpften: „Ihr geht jetzt in die gute Stube und wartet, bis Onkel Raimund kommt.“

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Für mich war die schlimmste Strafe, auf die Strafe zu warten. Den Grund für sie verstand ich nie.

Aber ich lebte, seit meine Erinnerung beginnt, in meiner eigenen Welt, konnte mich zurückziehen, war frei, fröhlich und furchtbar dick von dem ganzen Stuten. Aus dieser Zeit in Horhausen habe ich die Kraft für mein ganzes Leben bis heute gezogen.

Meine Seele flüchtete sich dann irgendwann in Krankheit. Vielleicht, um rückblickend verstanden zu werden –.

Das einfache Leben in Horhausen und später in Westerstede knüpfte Beziehungen: Wir Nachbarskinder verbrachten Zeit miteinander und gestalten unseren Tag. Später in der Familie war ich die Älteste und jeder hatte seine Pflicht. Es machte uns Spaß, das Geschirr zu spülen und uns in der Zinkbadewanne zu baden. Meine Aufgabe war es, das Wasser einzulassen. Die täglichen bis wöchentlichen Rituale verbanden uns und gaben unserem Leben die Sicherheit des nächsten Tages.

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Uns Kindern hat es an nichts gefehlt, wir haben die Not nicht gespürt. Milch war kostbar. Und trotzdem machten wir uns einen Jux daraus, wer die Blechkannen am höchsten durch die Luft sausen lassen konnte. Noch heute ist es das kitzelige Gefühl eines kleinen Stücks Freiheit, die Milch gegen die Schwerkraft zu schleudern. Wir hatten so viel Glück wie Flausen: Die Milch blieb in den Kannen, und so forderte ich mich selbst heraus, auch noch die Nachthemden meiner Eltern zuzunähen und ihnen Salz auf die Laken zu streuen. Das sollte jucken!

Wir Kinder hatten viel Phantasie und wir gaben in gewiefter Harmlosigkeit an unsere Eltern zurück, das die uns so beigebracht hatten –.

Sie duckt sich ein bisschen in sich hinein, den Kopf geneigt, der Blick ein verlegenes Schmunzeln. Fröhliche Augen, die heute wie damals schelmisch blitzen.

Es mache ihr ein angenehmes, wohliges Gefühl, wenn sie sich erinnert, wie sie habe tun und lassen können, wonach ihr der kindliche Sinn stand. Für ihre Enkelin werde ein kostbares Gut diese Freiheit vielleicht nicht mehr sein können.

Wir Mädchen trugen rosafarbene Leibchen. Das waren so dicke Hosen mit langen Strippen. Ich war stolz auf meine Hose, über der ich aber immer mein Kleidchen tragen musste.

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Und wir alle waren irgendwie arm. Aber wir gaben lustige Gesellen in unserem Wollstrick ab. Wir waren so phantasievoll wie die Farben unserer Kleidung nicht.

Und wir haben viel gespielt. Ja, wir waren so verspielt, dass unsere Eltern nachrüsten und ihre Gebote unmissverständlich formulieren mussten: Ein Auftrag lautete nach einem unserer wilden Spaziergänge zum Beispiel, nicht nur das Brot einzukaufen, sondern auch den Knust dran zu lassen.

Im Nirgendwo

Später, in Westerstede, war ich verloren. Dort oben im Norden sprach man friesisch. Die Kinder verstanden sich hier in ihrer eigenen Sprache, während ich mich noch nicht einmal traute, überhaupt ein Wort an sie zu richten. Denn was ich verstand, war, dass mein rheinländischer Westerwälder Dialekt für sie urkomisch war.

In meiner fünfjährigen Abwesenheit wurde eine andere Sprache gesprochen als meine –. Und in meiner ‚neuen Anwesenheit‘ hatte ich plötzlich eine Schwester, Hertha. Ich hatte nichts von ihr gewusst, als ich aus dem Westerwald zurück zu meinen Eltern kam. Auch die kannte ich nicht und hatte sie nun, gemeinsam mit einer Fremden –. Ich kannte die Worte ‚Mama‘ und ‚Papa‘ nicht und ohne die Worte war mir vor allem unbekannt, was sie mir sein sollten.

1949 war ich also wieder dort, wo das Husten begonnen hatte. Und ich war nun ein zweites Kind ohne Oma.

Eines Tages beauftragten mich meine Eltern, ein Stück Zucker auf die Fensterbank zu legen. Das sollte den Klapperstorch anlocken. Erst würde er meine Mutter beißen und später, gegen eine weitere Ration, das gewünschte Baby bringen. Ich tat, was ich sollte, und kam so zu meiner zweiten jüngeren Schwester: Alma!

Meine Oma, ihre Marmelade – die Vesperzeit

Meine Oma sah ich nach meinem Wegzug aus Horhausen zwei Mal im Jahr, immer, wenn Kartoffelferien waren. So im Sommer war es selbstverständlich, dass man runter auf`s Land fuhr und der Familie bei der Ernte half, Garben band und aufstellte, Heu erntete. Das war Pflicht.

Kinder wurden auf`s Feld geschickt, sobald der Körper kräftig und die Händchen flink genug waren. Zur Vesperzeit, das war nachmittags, brachte meine Oma Brot, das sie frisch gebacken hatte, und Erdbeermarmelade, manchmal auch Pflaumenmus. Ihr ältester Sohn hatte den Hof geerbt, mein Vater kam zu Krupp nach Essen und machte dort eine Lehre. Als echter ‚Kruppianer‘ wurde er gefördert, bis er Ingenieur war und bis er dann, bedingt durch den zweiten Weltkrieg, die Firma wieder verlassen musste.

Doch zwei Mal im Jahr ging es, zur Zeit der Krupp-Jahre meines Vaters, für uns vom Stahl zurück in die Natur.

Nach ihrem Tod hatte Oma einen festen Platz in meinem Kinderzimmer. Oben, über meiner Ecke auf dem Klappsofa, das direkt an das Etagenbett meiner Schwestern grenzte, habe ich sie plötzlich gespürt. Ungefähr eine Woche schwebte sie dort über mir. An dieser Stelle fühlte ich mich durch sie beschützt. Und ich spürte, so nach einer Woche, dass sie auf ein Mal weg war.

Meine Oma starb mit ungefähr 65 Jahren und brachte mir die Fürsorge bei, die ich auch für meine Kinder später haben durfte. Und meine beiden Töchter schenken sie mir heute doppelt zurück.

Die Leute damals konnten ihre Liebe nicht so zeigen. Oma gab mir Geborgenheit. Bei Oma, kurz unter ihrem Hals, da, wo sich ihr Brustkorb hob und senkte, da fühlte ich mich wohl. Ich erlebte mich schon damals als verwöhnt, weil ich lange Zeit ihr einziges Enkelkind war.

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Meiner Enkelin lese ich heute viel vor und mache sie auf Geschichten und das Knacken im täglichen Leben aufmerksam. Zusammen zupfen wir etwas am Sekundenzeiger, tasten Pflastersteine und führen uns mit geschlossenen Augen gegenseitig durch den Tag. Dabei höre ich den Vers von Carlos Karges:

„Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken.“

Wuppertal war unfrei. Aber ich trug weißes Tutu und küsste amerikanisch.

Mitte der 50er-Jahre zogen meine Familie und ich nach Wuppertal. Mein Vater hatte eine Stelle in einer renommierten Firma bekommen. Mir hatte Horhausen Freiheit bedeutet, Westerstede die Verantwortung für zwei jüngere Schwestern. Und in Wuppertal führte eine Einäugige zwei Blinde.

Alma wollte ich eines Tages ein bisschen Luft schnuppern lassen, von der sie in dieser Stadt so wenig bekam. Mir kam in den Sinn, die könnte draußen vor dem Schiebefenster besonders gut sein. So schob ich das Fenster hoch und hielt Alma in den Wind. Ich hatte es gut gemeint, doch meine Mutter schrie.

Ich musste mich erst einmal selbst orientieren. Nicht nur kleine Schwestern, auch Autos und Straßenbahnen brachte ich in brenzlige Situationen. Da quietschte es schon mal von einem Zusammenstoß dieser Stadt mit mir. Meine Eltern hätten mir den Verkehr und das Fortbewegen in einer Stadt einfach zeigen müssen. Aber sie waren selbst nicht besser orientiert.

So besuchte ich die Volksschule, begann, für mich allein zu lernen und zu entdecken, machte später an der Berufsaufbauschule mein Fachabitur und sollte, auf dem zweiten Bildungsweg, immer älter als die anderen sein.

Wuppertal war für mich grau. Aber in Wuppertal durfte ich gemeinsam mit meinen Schwestern Ballettstunden nehmen. Da wurde Wuppertal grau mit Tüll. Ich war zwar ein Pummelchen. Doch wegen meines nicht minder voluminösen Engagements in den selbst ausgedachten Choreografien meiner Tanzlehrerin ließ man mich trotzdem auf Zehenspitzen tanzen.

Der Sohn meiner Lehrerin war bei der Armee und ließ fragen – so zwischen Plié und Kinderschweiß – wer einen Soldaten bei sich aufnehmen könne. Meine Familie sollte eine von denen sein, die konnten.

In unserem Haus, aus dem Immobilienbestand der Firma meines Vaters, war drei Tage lang Platz für ihn. Das Verkuppelungsgesetz und die scharfen Augen der Nachbarn erlaubten es dem ‚Jüngling‘ aber nur, sich tagsüber bei uns aufzuhalten und zu essen. Schlafen musste er woanders.

Mit Louis erlebte ich meinen ersten Diskobesuch. Wilden Twist tanzten wir, bis wir uns um 23 Uhr wieder abkuppeln mussten. Er küsste mich heimlich vor der Haustür meines Elternhauses. Unsere drei Tage nannte er später in einem Brief an mich, in dem er seinen nächsten Aufenthalt in Wuppertal plante:

„…it will be a very short stay, but I am sure that we can have a wonderful time together, just as we did when I visited you last.“

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Zwei Monate nach unserer gemeinsamen Zeit in Deutschland und seiner Stationierung in Kaiserslautern wurde Louis im Vietnamkrieg eingesetzt. Von dort kehrte er nicht wieder zurück.

Dieser Amerikaner hatte mir Selbstbestimmung bedeutet. Er zeigte mir, dass sich ein junger Mann für mich interessieren konnte. Die Ohrfeige meines Vaters für mein unsittliches Benehmen scheppert mir noch heute zwischen den Ohren. Sein hartes Regiment, seine Strenge, überhaupt die Erfahrungen, die ich in meinem Elternhaus machte – sie schreckten mich aber nicht vor weiteren Begegnungen in meinem Leben ab. Sie schärften nur meine Wahrnehmung als Jugendliche. Ein Buch mit dem Titel „Vom Küssen kann man schwanger werden“ gab mir mein Vater, ohne diesen Zusammenhang jemals wirklich zu erklären. Aber vieles erklärte ich mir von selbst.

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In meiner Familie wurde viel gehandarbeitet. Einmal knüpfte ich mir einen Teppich aus Stramin. Mit einem Stäbchen mit Rille, einer dicken Nadel und einer bestimmten Technik knotete ich mir sechs Jahre zu einem Prachtstück zusammen. Muße kann man sich heute nicht mehr leisten. Damals reparierte man fraglos. Wir Frauen und Mädchen haben abends zusammen gesessen und im Radio Hörspiele gehört und dabei gestrickt, gestickt und gehäkelt. Aber vor allem besserten wir aus, manchmal zum dritten Mal. Die vertraute Dramaturgie von ‚Peter und der Wolf‘ und Löcher in den Socken gehören für mich heute noch zusammen wie Kriminalgeschichten und Weißwäsche.

Marienheim, Karies und Sehnsucht

Im Internat in Salzkotten bei Paderborn, an der Hauswirtschaftlichen Schule der Franziskanerinnen, verbrachte ich ein Jahr, das war 1960. Heute ist man mit 14 aufgeklärt. Damals war man ganz unglaublich naiv. Die älteren Mädchen des Internats erzählten von ihren Liebesgeschichten. Wir Jüngeren wussten gerade eben so, wie Rotwerden geht.

Unser großer Schlafsaal war in einzelne Zellen aufgeteilt, und auch hier präparierte ich die Matratzen der anderen Mädchen und sorgte zwischen der Strenge und den Maßregeln für ein bisschen Rebellion: Der mittlere von drei Teilen ließ sich gegen eine mit Wasser gefüllte Waschschüssel eintauschen und blieb, bedeckt von einem Tuch, unbemerkt – bis eine plötzlich schrill aufjuchzte.

Der Schabernack war wichtig. Ich fand es lustig und genoss den Überraschungsmoment, wenn sich jemand anderes echauffierte. Diesen Moment, die besonders spannende Situation der Grenzüberschreitung und Unterhaltung fand ich gut.

In der Küche des Klosters wurde geschlachtet und gewurstet. Leberwurst und Blutwurst garten im Kessel verheißungsvoll, während Schinken und Dauerwurst an der Leine hingen. Zum Nähen gehörte es, verschiedene Stoffe richtig zuzuschneiden, Rock-Schnittmuster mit Kreide zu übertragen und Flicken so aufzusetzen, dass ein Rechteck akkurat drinsaß. Ich behielt es mir noch lange Jahre bei, das Sockenstopfen, einfach, weil ich nicht gewusst hätte, warum nicht. Bügeln und Putzen standen wie Rechnen, Lesen und Schreiben auf meinem Stundenplan und in Kochen hatte ich immer eine Fünf. Vielleicht eine gute Voraussetzung, es später zu einer guten Diätassistentin zu bringen.

Auf dem Internat zählten wir Mädchen, zwischen 14 und 15 Jahren, immer zehn Schülerinnen in einer Klasse und wir waren ganz unterschiedlicher Couleur. So verschieden die Gutshöfe auch waren, von denen einige von ihnen kamen – alle waren sie hier, um von Nonnen auf die Ehe vorbereitet zu werden –.

Unter den Älteren war die eine oder andere schon einmal auf Tuchfühlung mit Jungen ihres Alters gegangen. Wir Jüngeren hielten uns gegen die Riege der Erfahrenen in unserer Naivität zusammen. Das Gelände, für uns riesengroß, durften wir nicht verlassen, und so mussten wir uns immer in Zweierreihen entlang der Jungsstreiche und Scherze etwas schämen. Immer, wenn es hieß: „Marienheim hat wieder Ausgang“, wurden unsere kleinen Gesichter noch röter.

Die einzige Zeit, in der man sich frei bewegen durfte, waren die Besuche beim Zahnarzt. Nicht vor Marienheim und nicht nach Marienheim hatte ich so oft Karies.

Ich weiß nicht, ob es wieder eine dicke Backe war, die ich riskiert hatte, oder ob es das Treppengeländer gewesen ist, das ich hinunterrutschte. In einer Zeit, in der jeder jeden bestraft, wiegt die Rüge irgendwann nichts mehr. Doch an das Geschirr von 70 Schülerinnen kann ich mich noch heute erinnern. Auch nach vier Stunden und weichgeschrumpelten Händen fragte man sich in Marienheim noch, ob man mich für mein Betragen nicht vielleicht doch des Internats verweisen sollte. Aber heute bin ich mir sicher: Auch dieser Streich hat sollen sein.

Die Geschichten, die wir uns untereinander erzählten, kann ich so sehnsuchtsvoll nicht erzählen, wie sie damals auf mich gewirkt haben. An Fernsehen war noch nicht zu denken. Als Kleinkind hatte ich sogar einmal in Panik gegen einen Fotoapparat angeschrien, weil ich dachte, er würde mich töten. Ich hatte in meinem Kinderbett gelegen, als man mich eines nachmittags plötzlich weckte. Ich weinte, sitzend auf einem Schimmel, den dieser schwarze Kasten in seinen Fokus nahm. Das dazugehörige Foto habe ich nicht zu sehen bekommen.

In diesem medialen Brachland gaben die Liebesbegegnungen im Internat eine Art Live-Kino vor dem inneren Auge ab, dessen Intensität man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Wir Jüngeren hingen den Älteren an den Lippen und förmlich mit am Kuss. Sie malten ihre Geschichten von ihrem letzten Wochenende zu Hause so aus, dass es sich die Phantasie richtig bequem darin machen konnte.

Im Schlafsaal waren wir links und rechts zur Nachbarin durch Gardinen getrennt. Der Stoff forderte aber nur mehr dazu auf, in die Nacht hineinzuquatschen. Eine Schwester schlief immer mit uns im Saal. Ihre Wände waren aus Holz und ließen ihr „Ruhe dahinten!“ trichterförmig zu uns schallen. Die Abmahnung bedeutete uns aber nur eine kurze Unterbrechung unserer Vorstellungskraft, die letztlich nur großartiger wurde. Bis dann morgens um sieben Uhr wieder zur Morgengymnastik gepfiffen wurden: Knie beugen und Arme kreisen, jede in ihrer Zelle, jede noch mit Sand in den Augen.

Im Internat feierten wir einen hervorragenden Karneval. Für mich als Norddeutsche bedeutete dieses Fest mehr als nur ‚unterrichtsfrei‘ und die weniger originelle Verkleidung als Kellnerin. Wir konnten tanzen und ganz ohne Auflagen tun und lassen, was wir wollten – links und rechts von Exerzitien und Schweigen, in einer insgesamt für mich sehr schönen Zeit.

Disko · Maschsee · Grießbrei

In Hannover, Anfang der 60er Jahre, machte ich meine Ausbildung zur Diätassistentin. Die Schule dort war renommiert und es war etwas Besonderes, sich zum Thema Kohlenhydrate, Lipide und ungesättigte Fettsäuren zu bilden. Nach dem Krieg fraß man sich die gemachten Erfahrungen schon vorsorglich an und so waren Diabetes und Gallenentzündungen die neuen Volkskrankheiten. Ich lernte viel über Blutzucker, Broteinheiten und Gluten, über Darmerkrankungen und die bessere Verträglichkeit zwischen Menschen und den Mitteln, die sie ernähren. Mit über 20 war ich aber vor allem froh, dem strengen Elternhaus entfliehen zu können.

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Für die Disko kratzte jede Schülerin ihre letzten Pfennige zusammen. Für zwei DM bekam ich mein Orangenmixgetränk, das ich mir über die Nacht einteilte. Wir Freundinnen blieben, bis Licht und Musik erloschen und sahen uns zurück im Schwesternheim auf der Hut, dass uns keiner erwischte.

Wenn auf der Tanzfläche eine einen kennengelernt hatte, stapften sie als Pärchen noch gemeinsam um den Maschsee. Der Hunger war dann für uns Mädchen aber irgendwann so groß, dass wir uns in der Küche des Schwesternwohnheims noch heimlich ein bisschen Grießbrei kochen mussten.

Dieser Genuss, der einfachen Dinge, war damals ein anderer. Heute gäbe eine gute Rätselfrage ab: „Warum muss eine Praktikantin im Kühlraum einer Großküche pfeifen?“ Meine Antwort lautet: „Um nicht naschen zu können.“ Und meine eigentliche Antwort lautet: Um ungestört naschen zu können, musste man sich richtig was einfallen lassen!

Die Ideen-Akrobatik, die verstohlene Lust, sie waren beinahe noch besser, als wenn Butter und Zucker dann tatsächlich auf der Zunge zusammenschmolzen.

Wir Mädels waren von überall her gekommen, um zu lernen, zu feiern und zu probieren, von Küchenvorräten, Jungs und erstem Alkohol. Wir waren in diesen frühen Jahren unseres Lebens gut aufgehoben in unserem Käfig, in dem man auf der Suche nach Freiheit Freiheit fand. In ihr hortete ich Vorräte, speicherte Kräfte und war letztlich jemand, dem es gut ging.

Andere Mütter und meine Kinder

Als Lehrassistentin bildete ich 1965 aus. ‚Mütterschulen‘ wurden Anfang der 70er-Jahre umgetauft, und so leitete ich den sogenannten ‚Hauswirtschaftlichen Bereich‘ in der Familienbildungsstätte. Meine Schülerinnen waren allesamt junge Frauen, die einen Kochkurs belegten. Weil sie heiraten wollten. Doch bald konnte ich keine Starthilfe zu ‚Haus und Herd‘ mehr geben, weil ich meinen eigenen Mann auch am Wochenende bekochen wollte. Unsere erste Tochter kam auf die Welt und damals war es unüblich, dass eine Frau mit Kind arbeiten ging. Sonja nahm ich trotzdem zunächst in einer Tragetasche mit, aber das gefiel ihr nicht. Eine Zeit lang stellte ich meine Arbeit ein. Aus dieser Zeit ist mir bis heute meine liebe Freundin Ingrid geblieben, mit der ich ab und zu heute noch telefoniere.

Und ich war die allereinzige, ‚am-Glücklichste‘ Frau auf der ganzen Welt und sehe immer noch ganz scharf, wie mich die Augen meiner Tochter Sonja fixierten. Sie war schon als Baby so völlig klar und wach, hatte sich Zeit gelassen bei der Geburt und konnte so mit ihrer seidigen Haut einfach schimmern. Anke hatte es ganz eilig und zwinkerte ihre kleinen Lider zusammen wie ich meine, wenn ich über etwas lachen muss. Beide waren für mich Wunder, die gerade wirklich genug waren, um mit ihnen kuscheln zu können. Und beide sind heute noch so grundverschieden: Anke ist die eher technisch Versierte, Sonja die Kreative, die als Kind mit Figuren spielte. Anke beschäftigte sich lieber mit Fischer Technik, schraubte Metallstäbchen zusammen und baute phänomenale Getriebe. Ihr erstes Wort war Auto.

Heute als Oma kann ich selbst noch mehr vermitteln, ich habe mehr Ruhe. Zusammen gehen Luisa und ich in die städtische Bibliothek und wir spüren Essener Legenden auf, wie die vom Goldenen Hähnchen, die kaum einer kennt, die ich aber besonders liebe.

Musik, Spielzeug und Märchen, Schuhe, Wolle und Vorträge vor 200 Menschen

Immer war bei mir diese Umtriebigkeit da, aktiv sein zu wollen. In Hannover bin ich Tagesmutter gewesen. Später, in der Bad Homburger Zeit, gründete ich Frauengemeinschaften. Nie war ich auf meinen Haushalt beschränkt, auch wenn ich das Häusliche, vor allem in meiner Kindheit, für das halte, das mich im Leben ausgelotet hat.

An der Volkshochschule gab ich Kurse, als meine Kinder dann größer waren. Mit Anfang 50 machte ich eine Ausbildung zur Gesundheitsberaterin, da wohnte ich in Essen, und besuchte parallel die Reformfachakademie in Oberursel. Einer Freundin half ich in einem Wollgeschäft aus, obwohl ich von Stricken nicht so die Ahnung hatte. In einem Reformhaus in Essen konnte ich mein Wissen einbringen. Und Schuhe verkaufte ich, in einer ganz teuren Boutique, die Arche-Modelle an den Frauenfuß brachte. Weil die aber von innen nicht gefüttert waren, kamen viele Beschwerden über rote, blaue und braune Füße rein. Die Beschuhten beschwerten sich, die Chefin ließ sich verleugnen und für mich war es der schrecklichste Job, den ich je hatte. Holzspielwaren habe ich dann später in Düsseldorf verkauft, bis der Einzelhandel für Spielwaren insolvent ging.

Während der Wochenendseminare in Oberursel hab ich viel gelernt, nicht nur das Fachliche, sondern auch, wie ich mich präsentieren und Vorträge halten konnte. Als in Essen die Seniorenresidenz Mundus öffnete, lud man mich dorthin ein, Vorträge über gesunde Ernährung im Alter zu halten. Ich gab Kurse in autogenem und Gedächtnis-Training, die den Geist wach und die Beine schwer werden ließen. Für mich persönlich lernte ich einfach das Leben: Ich eignete mir viel selbst an, erlebte mich in dieser Zeit als wache Frau und sehe mich noch heute am Tag des Jahrtausendwechsels ein Fest mit 200 Gästen moderieren.

In meinem Leben hörte ich oft, dass in mir viel mehr stecken würde, als ich ausstrahle. Und das sage ich heute, mit 71! „Die Vera draußen ist ganz anders als hier bei euch, fröhlicher, lustiger“, bekamen schon meine Eltern zu hören. Immer fand ich schnell Kontakt. Die Leute bestätigen mir auch hier, im Malteserstift, meine Sympathie. Ilse weint sogar ein bisschen vor Freude, wenn sie mich über die Feiertage vermisst hat, wie auch ich sie. In diesen Momenten, gesehen, verstanden und gemocht zu werden, sehe ich meine Großmutter, wie sie auf ihrem Höckerchen sitzt und Kartoffeln schält.

Ich, ich werde die Nähoma gewesen sein, eine heimliche Künstlerin, die jetzt erst all ihr Wissen und all ihr Werkzeug zusammen hat.

Musizierende Figuren auf Reisen.

Ich liebe Musik. Musik ist für mich ein ganz wichtiges Element, das mich von innen füllt und das nach außen hin Spannung abgibt. Wagner mit seinen kraftvollen Klängen gibt mir immer einen Schubs, bei sanfteren Anschlägen kann ich mich ganz zurücknehmen. Mit acht Jahren hatte ich ein kleines Akkordeon besessen, dessen Tasten und Bässe ich drückte, bis sie glänzten.

Ein Mal im Monat – das war noch in Wuppertal – gingen wir jungen Frauen in die Oper, ein ganz tolles Haus! Wir hatten ein Jugendabo, in dessen Regelmäßigkeit wir uns in die Tenöre verliebten. Zu dieser Zeit kamen die Beatles auf. Doch es war die klassische Musik, die mir, bis heute noch, unheimlich viel Kraft gab. Wenn die Töne erklangen, ließ ich in meinem Kopf Figuren tanzen – Ballettfiguren. Ich machte mich fein, zückte mein Opernglas und ließ in meiner Phantasie die Röcke springen und die Arme flattern. Sopranistin wollte ich dann selbst sein, habe in einem Kinderchor gesungen, sodass mich heute meine Enkelin manchmal fragt:

„Auf welchen Bühnen bist du aufgetreten, Oma?“.

Vera lacht, als sie ihre Enkelin taffe Fragen an die Vergangenheit stellen lässt. Und es sieht so aus, als habe sie Tränen in den Augen.

Ich wünsche mir für meine Enkelin, dass sie sich ihre Fröhlichkeit wird bewahren können, ihre Offenheit und Herzlichkeit. Sie ist ein so aufgewecktes Kind, so neugierig, wie sie mit ihren Puppen spielt und sich ihre Spiele ausdenkt. Luisa möchte Köchin werden, damit sie bei ihrer Mama in der Kochschule helfen kann. Aber vielleicht wird sie verschlungene Wege gehen, wie ich, die ich auch einst eine Märchenerzählerin gewesen bin.

Während der Seminare der Europäischen Märchengesellschaft habe ich es genossen, in Rollen zu schlüpfen. Ich konnte ein anderer Mensch sein, nicht schüchtern, sondern präsent und lebendig. Die Leute haben mir gebannt zugehört. Ein Märchen von den Brüdern Grimm werde ich mir wohl noch einmal zur Hand nehmen. Es heißt: ‚Wie der Schnee weiß geworden ist.‘

So gern wäre ich in meinem Leben noch einmal nach Marrakesch gereist. Aus mir wäre sicher eine gute Stadtführerin geworden. Fast wäre ich einmal als junge Frau auf dem Dampfer nach Australien gefahren. Dort wurden, verpflichtend für zwei Jahre, junge Kräfte im Sozialwesen gesucht. Hin und zurück hätte mich das 130 DM gekostet. Aber alles entwickelte sich später anders.

Gern denke ich aber noch an eine Jugendreise nach Moskau und nach Prag Ende der 60er-Jahre, zusammen mit den Schülerinnen aus dem Schwesternheim. Das war, zu dieser Zeit nach dem Prager Frühling, ein echtes Abenteuer. Und auch wenn ich mein erstes Striptease zufällig im heutigen Tschechien kennenlernte, waren die Auflagen für unser Betragen in der Öffentlichkeit damals strikt.

In Russland wurden wir auf ‚Deutschen-Hass‘ gegen uns vorbereitet und hatten im zeitgeschichtlichen Museum deutsche Pässe und Helme furchtsam zu bestaunen – auf Sand, in Glaskästen ausgestellt.

Etwas eingeschüchtert begegnete ich dann eines Tages während meiner Moskau-Reise in einer Straßenbahn einem jungen Mann. Er half mir, ein Ticket zu lösen. Er war so ein richtiger Alexander-Typ, schwarze Haare, gut aussehend, charmant und hilfsbereit. Ich habe ihn danach nie wieder gesehen.

Aber die Begegnung mit ihm hielt den Moment für mich an. Damals. Mit 26. In all der Aufregung meiner ersten Reisen, in all dem Vorgeschmack auf weitere Begegnungen in meinem Leben und in all der Erwartung auf noch so viele Jahre. Manches sollte sich anders entwickeln, als ich es mir vielleicht damals vorgestellt habe. Aber Begegnungen habe ich in meinem Leben immer gesucht und genossen. Und immer bin ich an ihnen gewachsen, wie auch jetzt daran, sie noch einmal Revue passieren zu lassen. Und vielleicht ja auch ein bisschen lachen zu machen, mit meinem

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Streich.

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