König Pils auf Toten Sonntag

Hier sitzen wir wieder, noch nicht zu Köpi, Fiege oder Stauder, aber zu dünnem Kaffee und Quarkstreusel. Und wir sind uns allmählich richtig vertraut geworden. Die Protagonisten vieler Lebensgeschichten dieses Blogs haben sich aus der Erstarrung vor den neugierigen Fragen einer freien Autorin langsam herausgelöst. Nun erzählen sie mir schon, immer mehr mit Tempo, Pointen und Rhythmus, so, als läsen sie sich beim Erzählen selbst etwas vor, so, als genössen sie ihr Leben um ein mehrfach Erzähltes wieder und wieder.

img_2758

Vielleicht liegt es daran, dass ihnen selbst Teile ihrer neu interpretierten Erzälungen nun jeden Montag nach dem Gebet vorgelesen werden. Das Montagsgebet ist quasi das Herzstück der Gemeinschaft in der Guten Hoffnung, einem Mehrgenerationsprojekt der Neuapostolischen Kirche. Der Sinn unseres Erzählcafés Streuselkranz für Menschen im 4. Lebensalter, älter oder jünger, mal mit mehr, mal mit weniger Gedächtnisleistung, ist damit, nach etwa zwei Jahren, aufgegangen, und das ist ziemlich gut.

Mitten im November sind wir noch weit davon entfernt, Säckchen mit Schokolade, Nüssen und Flausen aufzumachen, aber es fühlt sich heute irgendwie so adventlich-zutraulich an. Ursula erzählt von einer Zimmertanne, die sie „bis zu Gesundheit“ gepflegt habe. „Ich rede jeden Tag mit ihr“, erzählt Ursula in dem ihr eigentümlichen Mix aus monotoner Langsamkeit und emphatischer Betonung, auch, dass man Zimmertannen nicht anfassen dürfe, „das verzeihen sie nicht!“

Aus einem ausufernden Liebesepos über Grünpflanzen aller Art erfahren wir von Ursulas Sorge für einzelne Topfpflanzen, die ein Florist ihres quarters für einen Pfund das Stück jeden Monat feilbot. Als Ursula noch in England lebte, las sie da das ein oder andere mikrige Blatt auf, das Mister Bloomworth froh war, loszusein. Besonders schön würden Pflanzen, wenn man sie mit einer Gießkanne mit Milimeterausguss verwöhne, erzählt die strahlende Dame mit den offenen Augen, in klarem Deutsch, aber mit englischem Subtitel auf der humorigen Ebene. Mit einem abgebrochenem Fikus müsse man ihr nicht kommen, „aber Orchideen oder eine seltende Zierranke, die liegen mir am Herzen.“

Heute ist eine neue Teilnehmerin zu uns gestoßen. Edith, eine Freundin Ingrids, schmiegt sich anfangs etwas kleinlaut an meine Seite. Doch bald schon beginnt sie, mir angeregt von den Afrikareisen mit ihrem Mann zu erzählen. Über Safaris in Namibia kommt Rosemarie, die zu Ediths anderer Seite sitzt, irgendwie auf eine Hochzeit in Prag zu sprechen und dass sie bei ihrer eigenen Eheschließung vor rund 70 Jahren selbst Dunkelblau trug, „wir hatten kein Geld“. Die Spanne ist so weit, denke ich, zwischen der sich immer wieder hartnäckig Gehör verschaffenden Armut nach 1945, die viele der Streuselkränzler aus Oberhausen Sterkrade oder Duisburg Bruckhausen erlebt haben und den interkontinentalen Reisen, die sie heute ziemlich unerschrocken unternehmen. Manches Thema wird da ob seiner Traurigkeit unkommentiert abgewunken, aber alle haben sich einen Blick für Bedeutungen bewahrt.

 

2179131683_3b1bd6c7df_z

Denn nur noch einmal mischen sich Amaryllis und die tropfende Gummibäume von Gudrun ins Gespräch, da wettert Rosemarie auch schon gegen Seidenblumen und künstliche Tautropfen, solche, die mit einer Heißkleberpistole auf klobig glänzende Plastikblätter geschossen werden, solche, an denen man noch den Pressrand sieht, was doch einfach nicht zu verzeihen sein darf. Für das Grab ihres Mannes seien solche künstlichen Blumen nicht schlecht, relativiert Ursula vorsichtig die florale Notlösung für schwarze Daumen, doch Rosemarie poltert weiter: „Näh, da krümmen sich da diese falschen Rosen in der Vase, es kommen Sonne, Wind und Regen und dann sehen die schäbbig aus und am besten steht dann da noch: ‚Meiner lieben MUTTER!‘“
Die Damen lachen laut, in einem wilden Einrufen persönlicher Bestattungswünsche und Familienbräuche. Wie zur Versöhnung weiß Rosemarie auch schon als nächstes von einer beachtlichen Begegnung zu berichten, die vor drei Jahren zwischen ihrer Tochter und der Tochter eines ‚Brummifahrers‘ stattgefunden hat. Die Begegnung trug sich folgendermaßen zu:
Jedes Jahr an Totensonntag sitzt die Tochter gern mit einem König Pilsener am Grab ihres Vaters. Da betrachte sie dann zum Beispiel den Emaille-Knopf aus Kanada, mit dem sie ihren Vater zuletzt an ihren Weltreisen hat teilhnehmen lassen. Oder sie zuppelt das trockene Moos zurecht, Tannenzapfen und Steine, die sie in Vancouver gesammelt und ihm mitgebracht hat. Auf einer Grabplatte auf dem Friedhof an der Steinbrinkstraße in Oberhausen Sterkrade fällt das Licht etwas anders auf das kanadische, langsam wachsende Moos und wächst zu kleinen Bäumen, an denen die Vatergedanken ein bisschen träumen können. Und dazu schmeckt der Tochter dann der Duisburger Hopfen, den der Vater immer gern trank. Ja, und eines Totensonntags nun nimmt eine Frau in ähnlichem Alter an einem Grab neben dem vor Rosemaries Tochter Platz und blickt auf den Grabstein des Angehörigen, den sie vermisst. Ein verstohlender Blick zur Seite reicht, da soll die Fremde, die sich später als Brummifahrertochter entpuppen wird, sagen: „Na, dann kann ich mein Köpi ja auch rausholen!“
 16495516030_6f7a6f20c5_z
Beide Frauen lächels sich an und müssen feststellen, dass beide Väter gern das Bittere tranken und dass es keiner Kneipe oder einer anderen Trauergruppe bedarf, um ihrer zu gedenken. Nun treffen sich die Töchter jedes Jahr um 13 Uhr auf Totensonntag mit einem Köpi auf dem Friedhof an der Steinbrinkstraße.

 

Rosemarie erzählt sichtlich gerührt und schluckt ein bisschen dabei, als ihr Mann noch einmal im Erzählen dabei ist, „alles für seine Töchter“ zu tun, und wir daran teilnehmen dürfen. So stößt nicht lange eine Küchentür lästig gegen den Kühlschrank in der Studenten-WG, da ist auch schon Rosemaries Mann zur Stelle, der mal eben eine Schiebetür einsetzt. Rosemarie selbst bemühe sich auch um ein bisschen ‚richtige Jahreszeit‘ auf dem Grab ihres Mannes. Doch wenn sie im Herbst die Blätter fegt, höre sie ihn nur aus den Bäumen zu ihr sagen: „Nun mach ma nicht so’n Gedöns, da fallen eh wieder neue Blätter.“

Noch glänzen alle Augen vom Zuhören an der Friedhofstheke, da mischen sich auch schon die üblichen Ratschläge zwischen Rezepte und kluge Lebensweisheiten. Gegen „Mariechenkäferchen“ helfe Schmierseifenlauge, die Flotte Lotte, mit der man Äpfel fein reiben könne, sei früher aus Holz gewesen. Wie eigentlich alles. Falten im Gesicht seien „der letzte Schrei“, dreht Ursula noch einmal eine Pirouette, bis Ingrid etwas verloren sagt: „Ich kapier datt nicht, (worum ett hier geht)“ und Ursula zum Lachen aller etwas überdreht sagt: „Ja, ich kapier datt eigentlich auch nicht.“

 

5736518585_123b87e85f_z
Wenn ich mich frage, worum es bei dieser besonderen Art des Zusammenkommens geht, dann notiere ich mir meistens gerade so etwas wie: „Vanille“, „Eischnee“ und „Gelatine“, dann nehme mir vor, etwas von diesen Guten Alten Dinge zu imitieren und habe meistens schon gelernt, dass in England Pudding etwas anderes ist als in Deutschland. Custard sei so eine Art ‚Klumpudding‘ aus dem Backofen. Er bleibt es noch, wenn zwei von zwanzig Damen unfassbar hartnäckige Streitigkeiten über den Unterschied von Götterspeise und Wackelpudding führen. Und diese Damen gucken dann meist etwas argwöhnisch, wenn ich tatsächlich wissen will, also wirklich nicht weiß, warum sich Honiggläser nicht zum Einkochen eignen. Da sagt Ursula mit südenglischem Akzent: „Na, die werden nicht richtig vacuum!“

 

Wenn ich heute abend nicht einschlafen kann, so weiß ich, dass dunkle Schokolade hilft. Je dunkler, desto besser, wie die Nacht. In den Metallschachteln des Niederegger Marzipans kann ich dann die Nadeln verstauen, denn stricken kann ich nicht, und endlich weiß ich auch, dass die rheinische Blutwurst mit Buchweizen, die gut zu dem Gericht ‚Himmel und Erd‘ passt, „Pannas“ heißt.

Ihre Katze könne sie aber nur mit Wellfleisch locken, sagt Edith da, doch die Katze sei eh meistens draußen, die komme eigentlich nicht rein. „Nee, das ist keine richtige Katze!“, sagt Ursula, in einem Ton, wie nur genau dieser eine Grützwurst von einem Kesselfleisch zu unterscheiden weiß.

Da lachen alle ob der hartnäckigen Schläue Ursulas, ihrer Schokolade und der Katze, der Zimmertanne und dem Vakuumisieren und nehmen sich das nächste Mal vielleicht auch ein Bier mit, wenn sie sich irgendwo im Ruhrpott eine weiße Hochzeit ansehen und sich ihres königsblauen Reichtums besinnen.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

CAPTCHA-Bild

*