Tinte süppeln und „demütlich sein“

„Ach auf’m Markt is nix, ach watt!“, winkt Erika ab, als Rosemarie ihr mit unerschütterlicher Tapferkeit vorschlägt, einen Einkaufsbummel durch das Oberhausen Sterkrader Zentrum zu machen, „da gibbet nix Anständiges, nur noch 1-Euro-Shops und Woolworth.“ Kaufhäuser wie einst Horten, Braun und Mensing seien Vergangenheit. Dort seien die Verkäufer noch mit Nadelkissenarmband – zum Abstecken langer Hosenbeine und schlabberiger Ärmelbündchen – zwischen den Drehständern herumgeflitzt. Selbst diese Großen ließen nach, ab und zu zücke eine engagierte Textilfachverkäuferin mal ein Maßband, aber der Service habe sich verloren. Stecken geblieben sei er irgendwo zwischen Amazon und den Zehn-Prozent-Preisnachlässen auf ausgeblichene Mängelexemplare mit gestempelter Schnittkante.

img_2798_1„Ach, und außerdem bin ich schon abflugbereit“, die Badebuxse sei gepackt, sagt Erika, „Fuerteventura, so 23, 26 Grad muss datt Meer haben.“ Da halte Erika ihr Thermometer ins Salzwasser, versichert sie uns mit hochgezogenen Brauen bestimmend nickend, unter 20 Grad gehe sie erst gar nicht rein, und wenn die Nadel tiefer rutsche, wate sie unversehens an Land.

Heute haben sich zwei Gäste aus dem Quartier Oberhausen Sterkrade ins Erzählcafé eingefunden. Sie wohnen unweit der Gute Hoffnung – leben und dem Café Bistro Jahreszeiten, wo wir uns jeden 4. Samstag im Monat treffen, um über Früher und Heute zu sprechen. Als Ingrid fragt, ‚Ja ob sie denn nicht hier, in der Guten Hoffnung, wohnen würden‘, da sagt Erika: „Es gibt ja auch noch was außerhalb!“ Da lachen alle in jener Offenheit und Fröhlichkeit, die das Lebenszentrum für Jung und Alt, gelegen auf dem alten Gelände der Gutehoffnungshütte, gerade so anziehend macht.

„Freitag mittags haben se neulich die Ampeln geputzt“, plaudert Rosemarie zwischen zwei Bissen Zitronenkuchen hinein, „meine Tochter hat zweieinhalb Stunden vom Baldeneysee bis Oberhausen Sterkrade gebraucht!“ Dass man im Ballungsgebiet mit dem Zug oft schneller sei als mit dem Auto, kann manchen der älteren Damen und Herren am Tisch nichts ausmachen, sind sie es von früh auf gewöhnt, alles zu Fuß zu erledigen. Sieben bis zehn Kilometer sind für manche der Überachzigjährigen nichts, rätseln die über die Entfernung zwischen Oberhausen und Bottrop. Ein strammer Marsch sei nur ein Teil des üblichen Pensums in jungen Jahren gewesen, meist noch mit drei bis vier Kindern und einer Tasche voll mit Lebensmitteln.

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Erika erinnert sich, wie mal ein PKW mit gelbem Kennzeichen in der Einkaufsstadt Essen mitten auf den Straßenbahnschienen geparkt habe und dass die Waggons bis zum Porscheplatz eine Kette bildeten. In Essen galt es bis dahin nur, sich vor Recklinghausenern in Acht zu nehmen, so entwickelt sich plötzlich eine kleine Diskussion über Inkompatibilitäten im Fahrgeschäft. Ich muss an die Anziehungskräfte und Widerstände der magnetischen Brio-Eisenbahnwägelchen meines Sohnes denken, als Manfred wacker weiter wettert: den Weseler ‚Opa mit Hut‘ auf der Ablage gelte es ungebrochen als Sonntagsfahrer einzustufen und daher zu meiden. In Hagen sind die Ennepetaler die schwarzen Schafe, fügen die Frauen hinzu, die kämen vom Dorf und seien es gewohnt, Traktoren zu rangieren.

Zu Kirschstreuselkuchen und Mandelschokolade, die Katrin heute großzügig an die hitzigen Gemüter verteilt, knüpft Rosemarie an das Thema Shopping an und ich frage sie, ob sie auch mal etwas online bestelle: „Nein! Vor 55 Jahren habe ich mal was aus einem Katalog bestellt, wochenlang musste ich warten, dann kam es, und ich dachte: ‚Was für ein Mist!‘“, zurückgeschickt habe sie es aber auch nicht. Im Bero Einkaufszentrum sähe die Beratung aber auch nicht besser aus als die Empfehlungen, die intelligente Systeme einem bei Prime und Konsorten machten, schiebt Erika bestimmt ein. Erika hat viele Jahre in der Energieversorgung eines großen Konzerns in der Industrie gearbeitet und ist ‚digital urban‘ beglieben. In der Imitation eines üblichen Bero-Verkäufers kann Erika nun, der zierlichen Ulrike neben sich kräftig auf die Schulter klopfend, vor Lachen den Satz kaum mehr zu Ende bringen: „JAO, datt PASST!“.

Ihrem Sohn habe ein auf seine Provision versessener Verkäufer mal eine „unmögliche Jacke“ angedreht, schimpft Rosemarie, „dem habe ich aber was verflüstert!“, schnaubt sie verächtlich, mit echter Entrüstung und Enttäuschung. Da wird mir bewusst, dass die Beziehung auf Zeit zwischen Verkäufer und Käufer tatsächlich ein von Vertrauen, Respekt und Ehrlichkeit geprägtes Verhältnis war. Die Beratung, der Service und die zusätzlichen Leistungen, wie ‚sich im Spiegel eines anderen betrachten‘, einen Ratschlag abholen oder sich haptisch von Stoffen und Materialien inspirieren zu lassen, das zeichnete ein gutes Geschäft aus. Das war, auf was sich die Käufer zu lange noch weiterhin verlassen konnten, als sie selbst bereits dabei waren, diesen Markt face-to-face unwiderbringlich zu verändern. Eine Falsch-Beratung galt zu Zeiten Rosemaries wie ein Verrat. Heute ist jeder selbst dafür verantwortlich, was er sich ressourcenmäßig eher arm so an Paketen durch die Welt liefern und dabei nicht weniger aufschwatzen lässt.

Ihr Mann sage immer sehr bestimmt, flüstert Hermine etwas schüchtern ein: „‚Ich probier aber nur EINE Hose an, dass das klar ist!‘“ Ihr Mann sei bei Sinn und Leffers „gern einkaufen“ gegangen, will da Ingrid zurechtrücken, und alle verstummen misstrauisch, kaum dass sie ihren Satz beendet hat, „der hat sich dann immer vor den Umkleiden auf einen Sessel gesetzt.“ „Ich hab 27/15“, sagt Helmut in einer Art vorsichtigem Stolz eines sich in seiner Einkaufsautonomie bewusst wähnenden Handtaschenträgers, doch Irmgard muss korrigieren: „Du hast 45/27!“

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Es wird noch ein bisschen gemäßigt weiter geplauscht über Baumärkte, Frauen-und Männerklischees, über Klamotten, die „nich aussehen“ und „Kleider die gut kleiden“, dann lenkt Rosemarie das Thema auf den Second-Hand-Gebrauch von Kleiderspenden, das Friedensdorf in Oberhausen und auf die Initiative einer Kirche für ein philippinisches Dorf. Von Geschäften mit Schiffscontainern grummelt es da aus einer Ecke, während eine andere raunt, einem Pater, der auf die Philippinen reise und dort predige, könne man vertrauen. „Die nehmen alles, auch Bettwäsche für das Krankenhaus dort, man darf sich das nicht so vorstellen wie in deutschen Kliniken, wo alles einheitlich sein muss, die haben andere Sorgen…“, berichtet Rosemarie uns. Elektrische Schreib- und Rechenmaschinen seien auch gefragt, Monitore, Tastaturen und Mäuse, jede Menge Mäuse.

Wer bei der Kruppschen Energieversorgung arbeitete, der wisse, wie alte Rechner arbeiten, sagt Erika: „Da bekam der einen Faktor Strom, und dann war der erstmal eine Dreiviertelstunde beschäftigt und machte einen Krach, datt ett nur so überde Etagen rappelte.“ 1982 war der Lärm für Leistungen, die heute unsichtbar sind, für immer vorbei. Der Matritzendrucker kurbelte noch ein paar glattgestrichene Papiere über den Wachs, Alkohol machte die blaue Farbe geschmeidig, dann begann die Digitalisierung. „Der, der datt Ding gewartet hat, hat datt gesüppelt, da wurde der blind von.“ Auch dem ersten PC, der die alten Rechenmaschinen ersetzte, musste man noch viel erklären. Aus heutiger Sicht war der von einem Lochkartensystem kaum weit entfernt.

„500 hasse verdient, 900 hat ein Tonbandgerät gekostet, also ein Videorekorder, datt war nämlich STEREO!“, erinnert sich Erika an die Urzeit alles Abspielbaren, das auch noch 30 Jahre später ‚Die neuen Medien‘ heißen sollte. In dieser Zeit war eine Hörspielkassette eine Kostbarkeit, „wenn die Bänder rissen, musstesse die kleben. Super! 8! Haha!“img_2805

Für 15 DM konnte man zehn Minuten filmen.

So ungefähr sieben mal eine 1,00 Euro-Münze =

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Lebenszeit fand sich gewissermaßen auch in den Lohntüten, gekauft wurde im Kruppschen Konsum. Es hat sich erst einmal alles aufbauen müssen, erinnern sich Erika und Rosemarie. Wenn nicht die berühmt berüchtigte Frau Schmiedel, so hat die Obstverkäuferin im Viertel die angestoßenen Äpfel für Rosemaries sechsköpfige Familie zurückgehalten. Was eine Katsche hatte, braun war oder ein kleines Loch aufwies, konnte eine sechsköpfige Familie sicher über den Winter bringen. Dafür wurde noch „vernünftig gekocht“, nicht jeden Tag Fleisch, aber immer alles vom Rohmaterial. Mit der BRD sei es 1956 langsam aber sicher bergauf gegangen, einen Volkswagen konnte man sich da schon leisten. Bananen, Apfelsinen, Schokolade, „Wenn wir den Krieg gewinnen“, war das denkbare Ziel jedes Kindes, dann gibt es Schokolade, nicht diese sandige, die für zwei Sekunden zu Weihnachten zwischen den Zähnen knirscht, sondern echte. –

Ein Dorf habe immer genau mehr als Null und weniger als zwei Metzer gehabt, nämlich genau diesen einen Metzger des Vertrauens. Dieser eine teilte ein Tier gerecht auf, Sylvester machte er – der er oft auch gleichzeitig „der Landwirt“ war  – Bratwurst für alle im Dorf. Blutwurst gab es in geringerer Zahl am Ende eines Ertragsjahres, Leberwurst auch, mit Mehl gestreckt, in Blut gerührt, im Schwein gehangen. Was so roh klingt, war in Wahrheit ehrlich. Wenn Erntezeit, das heißt Pflück- oder Sammelzeit für die Pflaumen war, wurden die Kinder zum Entkernen im Sitzkreis versammelt. Im Waschkessel, in dem sonst die Kleider gewaschen wurden, kochte man mit einem großen Stiel, damit nichts anbrannte. An vier Stunden erinnert sich Rosemarie minutiös, in der sie Pflaumenmus rührte. Wer eine Presse hatte, die Saft wie von selbst gewann, galt als reich. Schlimmer sei nur das Rübenkraut gewesen, das in der Waschküche der Familie gerieben werden musste. Wenn schließlich alles einweckbar vorbereitet war, wurde geschrubbt und gewischt, denn „das Zeug klebte wie verrückt!“ .

Es läuft mir ein bisschen die Spucke im Mund zusammen, wenn Sauerkraut, Gurken und Salzbohnen sich darin mischen. Es schmeckt besonders gut, wenn Rosemarie von der Prozedur des „Überkochens“ erzählt, vom Abkühlen, dann vom Salz und wie schließlich ein Geschirrtuch und Salz den Gefrierschrank ersetzten, bis alles in einem Steintopf sanft vor sich hin ziehen konnte. ‚Schnibbel-Salzbohnen‘ schreibe ich mir auf, gespannt, was Chefkoch und Pinterest daraus machen würden. „Kriegen sie nicht bald Appetit?“, fragt da Ingrid leise die beiden Gäste, alle lachen.

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Von den gesalzenen Bohnen ist man schnell bei polnischen Salzgurken, die am besten in Schrebergärten reiften. Das Kaffeebohnenessen sei die bevorzugte Beschäftigung einer schwangeren Hermine gewesen. Apfelsinen habe sie so viele ausgepresst und getrunken – so in den späten 50er-Jahren war das – dass des Töchterleins Teint nach der Geburt einen gelblichen Ton annahm. „Ich habe gern Pfötchen gegessen, abgekocht in Erbenssuppe“, ergänzt Ingrid, und kaum einer, der in dieser Runde aufhorchen würde. Schließlich habe man alles vom Tier genutzt, das Schwänzchen, auch das Hirn eines Schweines. Kalbsknochen wurden ausgekocht und gelierten von selbst, bis eine Rosemarie sie mit Möhrchen zur Kraftbrühe verfeinerte. Die Leber kostete zu viel das Kilo, sind sich alle einig, aber Innereien dürfte man ja eh nur ein Mal im Monat verzehren. Und das Braten halte Erika ohnehin davon ab, „Nee, dann stinkt meine Bude, datt will ich nich!“

Als sähen sie mir meine Blässe an, die ich darüber nachdenke, was mit meinem eigenen Hirn nach dem Verzehr dessen eines Schweines passiert, wechseln wird zu Advent, Wichteln und Likörchen. Wie zur Reinigung von den Innereien gibt Ursula „Dörrobst“ und „gemischte Tüte“ als Aufgabe in die Runde, die sie für ihr Leben gern esse, aber zum Teufel in keinem Reformhaus finden könne, da holt Katrin Danziger Goldwasser aus dem Regal hinter der Theke, damit alles noch besser rutsche. „Blattgold mit Umdrehung“, witzelt Erika über das dekadente Zuckerelixier, als Katrin in die auf ihre Pinnchen wartenden Gesichter fragt, wer eigentlich in diesem Jahr beim Osterfeuer den aufgesetzten Sauerländer Kräuterlikör habe mitgehen lassen? Das Gelächter ist groß, als die Restaurantleiterin auch gleich wieder sanftmütig beschwichtigt: „Wir haben viel gebetet und viel getrunken!“

Ursula, die lange Zeit in England lebte, fragt, was es mit dem ‚Wichteln‘ auf sich habe. Das Prinzip verstanden zu haben glaubt sie schnell, als ihr dann entfährt: „eine Dampferfahrt!“ und „eine Ballonfahrt!“, oder vielleicht, ein bisschen bescheidener, eine mehrstöckige Torte vom Konditor –, da lachen alle. Nein, beim deutschen Wichtel denke man eher an einen Gutschein über ‚1 Mal Flurputzen‘, an eine Kiste mit Spülmaschinensalz, die Katrin einmal gezogen habe oder einfach an Zeit, Zeit, die man anderen schenkt.

Ingrid erinnert sich an einen Milchwagen, den ihre Tochter zu Weihnachten für ihren Bauernhof bekommen habe. Geschnüffelt habe sie im elterlichen Kleiderschrank und war dann „so füchterlich enttäuscht“, dass es Tränen von den Tannenzweigen tropfte. Katrin und ihr Mann haben jährlich das Christkind bei Laune gehalten, erinnert sich die, und an das Glas Milch und den Keks, den sie allabendlich auf die Fensterbank stellten. Von der Milch nahmen abwechselnd Katrin und ihr Mann etwas ab, und auch der Keks wurde zuverlässig zerkrümelt. Denn die Töchter vergewisserten sich lückenlos des christkindlichen Appetits am Morgen, wenn sie selbst ihren Kakao schlürften. Nur dieser eine Tag, als der Wunschzettel liegen blieb, so pfeift Katrin noch heute durch die Zähne, da entfachte sich ein Feuer der Panik im Kinderzimmer. Und bis Heiligabend waren die Töchterlein nicht mehr zu überzeugen, dass sich das Christkind die Weihnachtswünsche ganz sicherlich irgendwie anders gemerkt habe…

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Wir sind gerade dabei, die Tassen zusammenzuklirren, aufgedreht vom goldenen Likör, vollgestopft mit Katrins Kuchen und mit Schokolade verziert, da hebt Ingrid ihre Stimme, erzählt von ihrem Mann, den sie sehr vermisse. Wir bleiben sitzen und folgen Ingrids Gesten, so, als schreibe sie etwas auf die Serviette vor sich, als notiere sie darauf ihre und auch unsere Wünsche. Zusammen mit ihrer Tochter hätten sie, Ingrid und ihr Mann, zu dieser Zeit, im fiesen November, so kurz vor der Adventszeit, immer auf der Couch gesessen und gekuschelt, erzählt Ingrid, indem sie das Papier etwas verlegen streichelt: „Erst mein Mann, dann ich und obenauf unsere Tochter.“ „Demütlich“, sagte die dann jedes Mal, wenn der Kuschel-Sandwich sich gerade genehm anfühlte, demütlich –, so sei es gewesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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