Lakritz in der Wolle – mit Raumfahrthelmen weg, Ihr Läuse!

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Erika spielte leidenschaftlich gern Fussball, „Torhüterin im Betriebsfussballverein war ich gewesen, so’n zusammengewürfelter damals bei Thyssen Krupp. Danach habe ich immer zwei Flaschen Wasser auf ex getrunken, haben uns so angestrengt“, poltert die aufgeräumte Dame mit den klaren Ansagen, so bellend-herzlich, lachend in das heutige Erzählcafé der Gute Hoffnung – leben in Oberhausen Sterkrade hinein.

An diesem Samstag glüht der Herbst spätsommerlich durch die bodentiefen Terrassenfenster des Café Bistro Jahreszeiten, sodass auch der Leiseste in der Runde aus 20 Sterkraderinnen und Sterkradern nach einem echten Talkthema suchen muss. Und so nimmt Erika weiter Fahrt auf, inmitten der dankbaren Zuhörer am Kaffeetisch. Man kann ihnen dabei zusehen, wie sie den Bienenstich in kleinen Stücken mit der Zunge gegen ihre Gaumen massieren, langsam schmeckend. Und dazu nippen sie dann und wann an ihrem stark verdünnten koffeinfreien Kaffee.

Der „Mercedes-Benz SL 280 Cabrio, rot!“ ist so schnell gezückt wie er fährt. Denn wenn nicht mit schnellen Schuhen über den Rollrasen, so sei Erika gern über den Ruhrschnellweg gerast. Das war vor den Witzen über seine entschleunigende Wirkung auf den Berufsverkehr, als man vom Ruhrgebiet noch zur holländischen Grenze pesen konnte. Später habe Erika den Mercedes gegen einen 2,5er BMW getauscht, denn der Dachlose sei zwar schneller gewesen, hatte „mehr Spritz“, aber auch „18 Liter gefressen!“.

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„’N Motorrad wollte ich als Jugendliche haben, aber – datt war nich“, winkt Erika ab, so mit abgewürgtem Passiv im Erzählen, um dem strengen „Vatter“ nicht noch ein Mal klein beigeben zu müssen. Nun gewöhne sich Erika, so selbstständig und autark auf ihre alten Tage daran, allmählich etwas

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zu werden. Seniorenangebote, wie Ballonfahrten oder eine Vogelperspektive aus dem Mülheimer Luftschiff, die lehne sie nach wie vor hartnäckig ab, „is zu langsam“, aber Shopper, E-Rollis und Scooter, die könne man sich aufrüsten, empfiehlt Erika staunenden Augen. Katrin, Leiterin des Bistros, wirft lächelnd ein, dass sich die Geschwindigkeit motorisierter Rollstühle tatsächlich bedienen ließe über zwei Symbolknöpfe: ‚Schnecke‘ bis ‚Hase‘.

Zusammen lachen wir mit dem unbekannten Ingenieur und seinem milden Humor, über Hase und Schnecke, „Igel“ und „Luftballon“, haha. Immer noch besser, ein originelles Augenzwinkern über den Schleichschritt, als dass sich das Pflegepersonal so ungefragt in eine halbherzige Mitleidenschaft einhakte, so nach dem Motto: „Wie geht es uns denn heute?“. Solch ein Personal gibt es nicht in der Guten Hoffnung, stimmen alle ein; Bewohner, die sich kumpelhafte Krokodilstränen gefallen ließen, noch weniger.

Von ihrem Gran Canaria-Urlaub und den Kanaren erzählt da Erika schnell weiter, den sie zusammen mit ihrer Freundin Rosalinde aus dem Sauerland für den November plane: „all inklusieewe“. Da würden sie essen und schwitzen, genießen und abnehmen gleichzeitig; Pina Colada ihr tägliche Elixier, um den Hitze- und Dauerwellen der täglich manifester werdenden Beschwerlichkeit ein bisschen entgehen zu können. „Wer weiß, ob wir uns danach nochmal sehen“, sagt Erika da, auf einmal etwas ernster im Ton, man sei ja schließlich über 80, und bis zur Abschiedstournee für die Flausen im Kopf seien es noch knapp zwei Monate, „in denen kann noch viel passieren“: Brüche von Oberschenkelhälsen, gar nicht witzig, oder weiterer Verlust pigmentlosen Haars, von Erika, von Erika.

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Ihre Freundin sei so eine, die „aus dem tiefsten Dorf“ und aus festen Strukturen noch im hohen Alter ins Ruhrgebiet gezogen sei. Hinpassen würde sie hier nicht auf Anhieb, „die geht auch mit Badekappe in die Kanaren! Datt sind so Leute, die haben datt Herz auf der Zunge“, erzählt Erika mit tiefer Sympathie für ihre Freundin. Rosalinde könne, so bitten die Kuchenmapfenden um Beispiele, dann schon einmal quer über den Wochenmarkt, auf dem sie noch keiner kenne, schreien: „Ey Manfred, komm mal her, hier gibt`s was Leckeres, hmmmmmmmmmmm!“ So ein unverwüstlicher Mensch sei ihre Freundin, die von einem Tag auf den anderen alles verkaufen und einen Umzug stemmen kann, ja, einen Wegzug von einem Leben in ein anderes, kürzeres Leben.

In einer Zeit, in der Reisen zum ‚neuen Wetter‘ avanciert, kann sich auch das IV. Lebensalter keine Spur mehr von Unflexibilität leisten, lassen nun alle durch ihre Gesprächsbeiträge deutlich werden. Man merkt, dass sie viel darüber nachgedacht haben, wo sie und ihre Freunde gerade alt werden, nämlich dort, wo sie mobil bleiben können und dement werden dürften, in ihrem gewohnten Quartier oder in einer Einrichtung für betreutes Wohnen, denen Badekappen beim Essen oder Tauchflossen im Therapiebecken nicht fremd sind.

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Erika grinst nun angesichts unserer Verzückung über Ihr Entertaining zufrieden in ihr noch unangetastetes Stückchen Kuchen, da werde ich Frau Frau D. gewahr, die mir gegenüber sitzt. Frau D. ist wegen einer Macular degeneration erblindet. Auf ihrer Brust liegt ein besonderer Kettenanhänger, ein in beigefarben meliertes Linoleum gefasstes Blindenzeichen. Sehschwäche oder Blindheit, eine Einschränkung im Alltag, die hier, in dieser ungewöhnlichen Bastelarbeit, (vielleicht eines Handwerkermarktes?), wie zum Innehalten die menschliche Einschränkung noch einmal mit Nachdruck ‚ansieht‘, hinsieht auf die Grenzen des eigenen Vermögens. –

Ursula, die neben Frau D. sitzt, erzählt von ihrer Tochter, die übers Wochenende Findlinge von der Küste Englands mitgebracht habe. An Orten, an denen Ursula und ihr Mann jahrzehntelang gelebt hatten, suchte die Tochter einen besonderen Stein für den Friedwald bei Venlo. Für welches Grab, zu sagen, wird Ursula still. Sie sei des Findlings ‚fündig‘ geworden, schließt Ursula, da schiebt sich Rosemarie mit fröhlichem Gesicht, aber schwer bepackt, etwas umständlich durch die Terrassentür. Sie bugsiert eine Pappschachtel von der Größe eines Bauchladens mit quadratischen Armen aus, um uns eine quietschbunte Torte zu enthüllen: Ihre Tochter habe auf Schloss Hugenpoet geheiratet, ein rauschendes Fest habe man getanzt, an dem Rosemarie nun auch uns, mit der Etage einer offenbar ambitionierten Hochzeitsarchitektur, etwas teilhaben lassen wolle.

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Die Torte selbst wird zum Thema, zum Anlass, zu einem Geschenk in der Zeit und zum Angebot, Stuss zu reden. Das die Stärke einer Generation, die manchmal aus weniger mehr machen musste. Erika greift Rosemarie, die erste Stücke verteilt, mit beiden Händen lachend unter die Finger. Aufgeregt schnattern die Damen über die unglaublichen Marzipanfarben, süchtig sei Erika schon jetzt nach dieser Konditorleistung, die sei „voll giftig“, das könne man ja schon sehen. Als ich mir das Blumenbeet ansehe, die grüne Marzipanrohmasse, die ein Erdreich aus Schokolade umhüllt, als ich die Tulpen und Rosen aus Fondant näher betrachte, merke ich, dass ich es echt witzig finde, mit diesen Damen meinen Nachmittag zu verbringen. Kurz halten sie zwischen den Themen – ‚schnelle Autos‘, Südseeurlaub und Hochzeitskuchen – bei Krankheiten und verschreibungspflichtigen Medikamenten an, hakt das aber flugs ab mit einer Feststellung über die Fachrichtung Orthopädie: „Können können ’se, aber schlechte Manieren ham’se auch“.

Ursula begrüßt Frau T., ihre Nachbarin, die kürzlich in die Gute Hoffnung gezogen sei und gerade am andere Ende des Tisches Platz nimmt. Ursula erzählt, Frau T. sei eine ausgebildete Märchenerzählerin und verstehe es auch mit fortgeschrittener Demenz, die Leute zu fesseln und auf ihre Lippen zu hypnotisieren, auch wenn die zwischendurch selbst mal offen stehen würden. Während ich gedanklich etwas nachhänge, über das Märchen, den Reim und über unseren Gedächtnisspeicher, über Rhytmus, der hilft, dass Wissen bleiben kann und über den Zusammenhang von Demenz, Tradition und Neurologie, da verabredet sich Rosemarie schon wieder als Großraumtaxi für alle, die nächste Woche in den Oberhausener Kaisergarten wollen.

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Genau die richtige Jahreszeit sei es für einen Spaziergang durch die Tiergehege, wenn sich die Außentemperatur noch nicht so richtig entscheiden kann, Stachelschweine aber verlässlich für Kartoffelschalen danken und die Blätter stabile Gradzahlen zwischen Gelb, Orange und Rot annehmen. Eine Alternative, wie man zum Kaisergarten gelangen könne, sei nur der Bus, informiert Rosemarie, „die 966“, das gehe mit dem Ticket 2000 gut, mit dem Liesel, überschlägt die sich zwischen zwei Tortenbissen einzuschieben, „schonmal gern ohne Ziel einfach im Kreis“ fahre, „vier Stunden durch ganz Oberhausen, herrlich! Man darf nur nicht über die Grenze, aber Oberhausen ist ja groß, haha!“

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Vom Stadttheater, für das man noch das Winter-Abobesorgen müsse über das Openair-Kino, dessen Saison bald zu Ende gehe bis hin zu Spülmaschinen, die Geschirr nicht mehr „rausrücken“ und gestohlene Karnickel aus des Enkeltöchterchens Garten kommt man im heutigen Erzählcafé auf Zoos, die artgerechte Haltung großer Tiere und auf Städte zu sprechen, denen es so schlecht nicht gehe. Alle sind guter Laune, alle irgendwie aufgekratzt. Ursula erzählt, dass sie einst bei Woolworth in England Broken Biscuits für einen Elefanten gekauft habe, der zur großen Verstörung ihrer Tochter „die ganze Tüte auf einmal geschnorrt“ habe, „tschihuuuuupph“, untermalt Ursula das Sauggeräusch seines Rüssels. Heute bringe ihr Enkelsohn ihr für fünf Euro schon mal „eine echte Elfenbeinkette“ aus dem Zoo Duisburg mit, und sie sei ganz froh, dass die Echtheit vor allem aus der Zuneigung ihres Enkels zu ihr und nicht aus dem Stoßzahn eines afrikanischen Elefanten geschnitzt ist. Katrins Sohn dagegen sei vor allem auf das Tierwohl im privaten Freigehege interessiert und versprach einem Huhn – „mit Verdauungsproblemen“, flüstert Katrin und zitiert entrüstet – „‚Das macht die Mama schon!‘“

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„Meine Urenkel sind alle traurig, wenn ‚die Schule zu hat‘“, das heißt, wenn Ferien sind, erzählt Rosemarie mit entspanntem Stolz. Etwas irritiert das einige hier am Kaffeetisch, das ist zu spüren, kennt der eine oder die andere es noch, zur Lehrerin zitiert worden zu sein, weil Eselsohren die Lesebuchseiten knickten.

In der Runde einstiger Grundschüler, heute um die 90, kann man lernen, was Voileschürzen sind und dass, wer zum Vorzeigen beim Appell das Stofftaschentuch vergessen hatte, es mit einer Spitze der Schürze vortäuschen konnte. Ich frage mich, wie viel mutiger Kinder im früheren Schulsystem gewesen waren oder wie mutig sie jetzt sein dürfen? Nur das Schreiben des Wortes ‚vorgestrig‘ über das 100-malige Schreiben des Satzes: „Zum Schulanzug gehört auch das Taschentuch“ ist vorgestriger.

Mit Zuckerwasser gestärkt wurden „Häubchen“, ein Affentheater mit Schaukeln aus Haar veranstaltet, rund um Ohren, die alle Nase lang gezogen wurden. Eine Rolle toupierte die Mutter in die Locken, mit einem Hakenkamm wurde die Tolle kurzerhand fixiert. Geflochtene Schnecken am Hinterhaupt seien besonders Mode gewesen, rufen drei Frauen gleichzeitig in die Runde, „Wir hatten keine Schnecken, dafür die Jungs eine Schürze!“, fordert Erika nun Herbert heraus und fragt ihn: „Wo bist Du denn groß geworden?”, und Helmut erwidert: „Na zu Hause!“ und lacht sein verschmitztes Lächeln. Herbert erzählt von einem Marineanzug der Marke Bleile und von Unterwäsche, die gekratzt habe. Von Baumwolle gehäkelte Leibchen seien der Standard gewesen. Ihre Oma habe in die selbstgenähten „Schlüpfer“ Seide eingenäht, erzählt Katrin, von plötzlicher Gerührtheit ob der Empathie der Oma übermannt. Ungeahnte Gefühle im Nachempfinden kratziger Unterhosen.

Wenn die wirklich nötigste Kleidung sich unter dem Weihnachtsbaum als Geschenk zu verkaufen suchen musste, habe man sich sogar über Bücher gefreut, lacht Lisbeth. Sie erzählt vom Essigwasser, in dem Wolle geschmeidig gemacht wurde, bevor sie auf dem Ofenrohr zum trocknen kam. Ich erfahre von wunderschönem, von „pechwarzem, dickem Haar“, das, zu einem langen Zopf geflochten, zu einer Mitschülerin Rosemaries gehörte. Bis der eines Tages Läuse und Nissen aus dem Pony krochen. Der Zopf musste dran glauben, trauere ich ein bisschen mit, wissend, dass eine Apothekerin die Mutter eines Kindergartenkindes heute vor die schwierige Entscheidung stellt, ob die 60-Minuten-Tinktur – passend zur Haube mit Rehkitzdruck – chemisch oder homöopathisch sein dürfe. Da lacht Rose und erzählt von den Fönhauben der frühen 50er-Jahre, von Steckern, Kabeln und Stöpseln, von einer Tortur, der man sich für eine Dauerwelle unterzog, die praktischerweise jedoch auch Läuse einfach „weggeätzt“ habe. „Fixative-Lack“ war das Finish, dass die Haare zum Glänzen und zum Brechen brachte. Mit ihrem Sohn seien sie neulich im Hagener Freillichtmuseum gewesen, wirft Katrin ein und erzählt von dem Mobiliar eines alten Friseursalons, und davon, wie der Sohn sich erkundigte, welche Galaxien man damit entdeckt habe und warum es eigentlich Raumfahrt heiße.‘“

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Es ist die Mischung dieses Plauderns und Schwadronierens, die Zeiten einfriert, die den Blick auf das Wesentliche schärft, nicht unkritisch, aber so im WDR 4-Modus irgendwie ‚immer gut aufgelegt‘. Rosemaries Erzählungen mischen sich aus Papilloten aus Zeitungspapier, bleihaltiger Druckerschwärze, in die man Fisch einwickelte und aus dem Problem einer wechselnden Reihe aufgestellter Mülltonnen hier am Seniorenzentrum, „schon wieder anders, tsss!“.

Fisch in der Badewanne – warum irritiert? In Bislich, beim Alten Fährhaus, habe man neulich zum Erntedankfest generationenübergreifend gegessen: Die, die noch Zeiten erlebten, als man Fische sich noch eine Woche lang in dem Süßwasser eines Etagenbadezimmer „sauberschwimmen“ ließ und die, die heute keinen Fisch mehr essen wollen, „wegen dem Plastik in den Weltmeeren“. Da ernteten Bewohner des Seniorenzentrums und Mitarbeiterinnen sorglos Äpfel und Nüsse auf dem Hof Clostermann in Wesel und genossen gekühlten Apfel-Rosé-Sekt dazu, „ein Gedicht“, schwärmt Katrin, Betreuerin der Mieter und Leitung des Service im Bistro Jahreszeiten. Von größerer Weidefläche für die Tiere berichtet Katrin weiter, von dem Prinzip eines Demeter-Bauern, erzählt von der „natürlichen Besamung“ der Tiere und vom Matetee des speziellen Hofs in Wesel, „der eklich ist!“, ruft Annegret rein. Tee-Sommeliers sind nicht jedem am Kaffeetisch ein Begriff, aber in der Frage, ob italienischer Federweißer besser sei als der aus Baden, da ist man wenig streitbar: Zu Flammkuchen, Kürbis oder Walnuss-Apfel-Kuchen passe „Federweißer vom Prinzip her allemaaal“, links und rechts des Koffeins.

Dann lesen wir ein bisschen Lyrik, ’n bisschen Herbst, ’n bisschen Rilke, bis Rosemarie Schillers Glocke zückt und alle in schallendes Gelächter ausbrechen. Aufsätze habe die eine oder andere als Jugendliche geschrieben, um die Phantasie spielen zu lassen, mit was auch nur zu denken der Alltag nicht hergab. Mit schwerem Stöhnen seufzt Rosemarie noch den „Reis aus Java“ hinterher, ein Text, mit dem die Lehrerin die Schüler bis zur Literaturphobie gequält habe: „Lest und Erörtert!“, habe es geheißen. Ganz schlecht, das Erörtern, neben Kopfnoten, Raumlehre (Geometrie) und Handarbeit, ganz schlecht, das Erörtern der Dinge… Da habe man eher mit schwarzem Garn auf weißen Strümpfen brilliert, sie auszubessern gelernt, damit das Stopfen zur Routine werden konnte. Lakritz, erzählen Frau H. und ihre Mutter, habe man in die Mitte eines Wollknäuels platziert, oder auch auf einer Münze das Aufwickeln eines langen Fadens begonnen, um später beim Häkeln oder Stricken angespornt zu sein. Rührende Lebenstapferkeit.

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Ihre Häkelnadel sei rostig gewesen, vom Angstschweiß, erzählt Rosemarie. Die Lehrerin habe dicke Nadeln von Holz klappern lassen. Mit Zwiebeln hätten sich die Kinder die Spuren noch einmal nachträglich eingerieben, damit die Eltern vielleicht doch mal irgendwann zum Lehrer gingen – oder zum Arzt. Manche der Eltern haben sich davon aber nicht beeindrucken, ja, haben sich von ihren Kindern siezen lassen, das war üblich. Bekamen die Erziehungsberechtigten am Wochenende Besuch, „dann hat die ganze Hütte gequalmt, von Cognacgeruch und Zigarre, geredet wurde da, dass wir SOLCHE Löffel hatten“, mimt Katrin ihre Ohren nach, die sich das diskrete Gemurmel der Mütter bei all der versuchten Diskretion vor den Kindern dennoch luftanhaltend erhaschen konnte. Mitreden war nicht erlaubt, so der Tenor, das Zuhören manchmal allerdings noch schmerzlicher, erzählt Ursula von einer Bespitzelung ihrer Tante: „Die Ingrid kann ja singen, aber die Ulla, ei ei ei.“ Likör bekamen die Mütter, die Kinder hatten die Klappe zu halten. Vielleicht mal ein Kartenspiel, aber keine eigene Meinung.

Das war auch die Zeit, in der Frauen links zu gehen hatten. Waren sie verheiratet, dann rechts, klärt mich Ursula auf. „In England beschützte der Mann die Dame immerzu rechts vor dem Straßenverkehr“, erzählt sie, und Erika, dass 1972 die Frauen offiziell Fußball spielen durften, „ab da waren auch Hosen erlaubt.“ Was ein Staubmantel ist, erfahre ich, die eigentliche Jacke habe er geschützt, als die schwarzen Rußflocken der Industrie noch Stoffwindeln sprenkelten, die zum Trocknen in den großen Gärten wehten. Ohne Genehmigung habe man das eigene Vieh nicht schlachten dürfen, kommen wir von den Gartenstädten zu den Ställen, die zu jedem Werkshaus im Ruhrgebiet gehörten. Gab es Notstand, kam schonmal die beste Freundin in Entrüstung, das Familienschwein sei in der Nacht gestohlen worden. Erst heute, schluckt Rosemarie, kombiniert sie detektivisch, dass es der Speck des Ebers „Rosers“ habe sein müssen, den sie sich tagsdrauf bei dem Vater ihrer Freundin hat abholen können.

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In den Kartoffelferien galt es für die Kinder, Kartoffelkäfer zu sammeln, aus Runkelrüben habe man die weichen Blätter wie Spinat gekocht. „Zwischen dem Kartoffelnlesen kam das Frühstück aufs Feld, herrlich“, schwärmt Rosemarie, aber „Feuer durfte man nicht machen“, schimpft Erika uns vor, und setzt dann wie besänftigend nach: „nur wenn der Vatter ’ne Kartoffel mitkriechte, dann war datt in Ordnung.“

Dann hatte alles seinen Platz, wie die Bücher in der Bibliothek, die sie spielten, oder die Forellen auf dem Stockbrot. Platz und Geduld, viel Geduld, Ruhe und Zuversicht, rasend und lebensfroh erzählte, mit 200 Sachen im Mercedes Cabriolet.

 

 

 

 

 

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