Von Scheibenkleister, Rhesusäffchen und dem „VeTegariersein“ in Zeiten des gottlosen Smartphones

„Näh, von Wasser krieg‘ ich Läuse in ’n Bauch“, winkt Heide ab, als ich ihr ein Glas einschenken will. Es ist Samstag, der letzte im Monat August, und es sind 32 Grad im Schatten. Erika trocknet sich den Schweiß mit einem umhäkelten Stofftaschentuch von Stirn und Dekolleté, auf dem ein in Gold gefasster Aquamarin gegen die Luftfeuchtigkeit über Erikas Puls anzufunkeln versucht. Katrin verteilt Frischkäseküchlein und dünnen Kaffee, genau die richtige Atmosphäre, um über eine Zeit nachzudenken, in der man in seinem Leben zu viel gearbeitet hat…

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„Ich habe bei der WP gearbeitet, bei der Westfalenpost, die wurden später von der WAZ aufgekauft“, steigt Rudi in unser Erzählcafé ein; eine monatliche Gelegenheit, in dem wir alte Geschichten sichern und Perspektiven auf Heute einfangen. „Manchmal habe ich zu viel Energie meines Lebens in zu wenig Jahre davon gesteckt, gearbeitet wie ein Geisteskranker, vom Kugelschreiber bis zur Teamreise alles organisiert“, ächzt Rudi im Erzählen noch ein bisschen nach.

Der RWE war es, der ihr eine Brauereiführung bei der Privatbrauerei Stauder in Essen ermöglichte, erinnert sich Erika an besondere Erlebnisse aus ihrem Berufsleben. Stauder sei heute noch „lieb mit dem Nachwuchs“, wirft Katrin ein, als sie von einem Kochevent erzählt, das vom Familienunternehmen gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer für junge Auszubildende heute noch veranstalte. „Auf 48 Männer kamen damals zwei Frauen“, knüpft Erika an ihre Stauderbegegnung in den 60er-Jahren an, „‚Kleines Bierchen für die Damen?‘“, seien sie gefragt worden, von einem Ringer aus Essen, der die Führung gab und Zigarre rauchend – das habe man damals noch gedurft – leckere Brötchen verteilte. „Als wir als erste unser Glas geleert hatten, bekamen wir ungefragt das nächste“, lacht Erika verschmitzt in den nächsten Kuchenbissen hinein. Ingrid erinnere sich vor allem an das süffige Malzbier der Essener Familienbrauerei, da habe in einem Marketing der 50er-Jahre noch „’ne Schwangere aufett Etikett“ gedurft. „Datt is ja immer noch sausüß, aber wenne nix beißen kanns, kannse datt gut trinken“, zeigt Ingrid mit Nachdruck in die Luft. „Watt gibbet heute bei Dir?“, will Heide von Ingrid wissen, die „Suppe, Sauerbraten, Rotkohl“ erwidert und wie betrübt und dabei völlig zufrieden nachschiebt: „Kreativ kannse mich vergessen“, doch Erika meint: „Wer weiß, was in Dir schlummert!“

Vom Kohl kommen wir auf den Malkurs zu sprechen, der neuerdings in der Guten Hoffnung – leben gegeben wird, Malen mit Lebensmitteln wie eben Rotkohl, Spinat und Kaffee. Aber für diesen Spaß seien die Damen nicht zu haben, erwidern sie Katrin, „Aquarellpapier und autogenes Training und so’n Kokolores, davon kriege ich Herzrasen.“

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Geplättet von der grundehrlichen Bodenständigkeit der Damen bringe ich das Gespräch auf das Thema RELIGION und die Neuapostolische Kirche, für die gerade eine Festschrift im Rahmen des 5-jährigen Bestehens der Gute Hoffnung – leben entsteht. Rosa, eine demente Dame aus den ‚grünen Häusern‘ – das sind die Appartements der Guten Hoffnung – leben mit ‚Service-Wohnen‘ – die habe alles vergessen, was zum Sonntagsritual gehöre, Abendmahl und Schlussgebet, wann was und wie sprechen, das sei ihr verloren gegangen. Aber die Lieder kenne sie, wenn der Chor singt, da singe sie mit, da sei sie textsicher und selbstbewusst. Ihren Enkeln mit elf Jahren brauche man „nix mehr vom lieben Gott erzählen“, wirft resigniert Heide ein. Christi Himmelfahrt, Pfingsten, das werde nicht mehr gekannt. „Mit Ach und Krach kriegen die Ostern und Heiligabend auf die Kette, die glauben an ihr Smartphone“, sagt Heide, eine andere Form der Gemeinschaft, komme ich ins Nachdenken.

Am Samstag sei sie als Kind immer dreckig gewesen, erzählt Erika. Maulschlüssel und Wagenheber waren ihr Werkzeug. Kartoffelnlesen die Erholung von der KFZ-Werkstatt ihres Vaters. Von harter Arbeit im Revier über Sperrballons, die den tiefen Flug von Flugzeugen und ihren Angriffen aus der Luft im zweiten Weltkrieg verhinderten, kommen wir auf das Bewirtschaften eines Gartens zu sprechen. Erika erklärt mir den Unterschied zwischen der Anzucht und Keimung festkochender und mehligkochender Kartoffeln. Während erste viel Sand benötigten, bräuchten die Nachtschattengewächse für Pommes Frites mehr Mutterboden: „Da kaufse Dir ’ne Kartoffel aus’m Aldi und lässt die keimen, et gibt nix einfacheres.“

Heide habe immer schöne Blumen in ihrem Garten geliebt, Ingrid versuche mit Radieschen in Gemeinschaft mit Knoblauch den Schnecken den Garaus zu machen. Gegen die empfiehlt Katrin Asche und Holzbretter zu legen, das ködere Nacktschnecken und Wegschnecken aller Art, „so diese glitschigen, die den Salat anfressen“, veranschaulicht uns Katrin mit schneckenhaft verzogenem Mund, und ich denke an das anmutige Aussehen von Schnecken und ihr Zucken, wenn man sie berührt und daran, dass Katrin trotzdem recht hat. Von Mehltau an Bärlauchpflanzen und die ‚Last mit Läusen‘ sind wir bei  Schimmel angekommen und bleiben etwas an schwarzen Blättern von Tomatenpflanzen hängen. Bis Erika plötzlich ein Rhesusäffchen zückt.

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In den 60-ern hätte jeder eine Katze gehabt oder einen Hund, oder einen Wellensittich oder einen Buchfinken. „Nix da“, habe der Vater gewettert, „dann holen WIR uns ein Rhesusäffchen“. Scheibenkleister, habe Erika da gedacht, „gut, dass das heute nicht mehr erlaubt ist“, sagt Katrin, da erzählt Erika schon vom Bau des Käfigs für das Rhesusäffchen und von dem Glück der falschen Jahreszeit und den Lieferschwierigkeiten des Zoohandels. So habe es ‚nur‘ zu einer Wasserschildkröte kommen können, die sich eines Tages im Schuh des Vaters verkroch und Tage später noch ‚gerettet werden‘ konnte. –

Katrin, die Hühner und Ziegen in ihrem Garten im Hektarmaßstab halte, bricht da charmant den Bogen und sagt, man sei jetzt „VeTeGarier“, so habe der kleine Sohn verkündet, als es Papas bewährt leckeres Hähnchen und vor der großen Terrassentür Kunibert und Justin um die Wette pickten. Da sei auch dem Letzten in der Familie die Gabel aus der Hänchenbrust gefallen. Und dabei habe das Söhnchen die Hühner, die einst von ihrem Hof gemobbt wurden – denn nichts ist grausamer als Hühner untereinander, sagt Katrin – nicht haben wollen: „Mama, wir wollen nicht die Verlierer“, woraufhin Katrin vehement uns wie zu ihrem Söhnchen noch einmal erklärt: „Doch, wir wollen die Verlierer, unbedingt!“ Zuletzt habe der Hund, groß wie ein Schaf, getröstet werden müssen, als man dann auch noch freche Gänse aufnahm. Im Augenblick denke Katrin über Schafe nach…

Dann erzählt einer in der Runde vom alten Arnold aus einer der Wohngemeinschaften, der mal einen Mischling, Cockerspaniel, nach Hause gebracht habe, und alle nicken wissend. Als er starb, blieb der Hund nicht länger beim Frauchen. „Nein, der hing am Arnold, hat ihn nach Hause gebracht, wenn der alte, demente Mann den Weg nicht mehr fand.“ Gerührt über die Geschichte schließen wir mit Katrins Erzählung vom Einschläfern ihres Boxers, „Auch von Tieren muss man sich verabschieden, da darf man traurig sein.“

Aber aufgeräumt, wie Erika sich heute gibt, sind wir auch wieder bei der Nutztierhaltung und dass Karpfen, die Schweine des Meeres, sich nach dem Angeln tageweise im Badezimmer ’sauber schwimmen‘ mussten. Das Bein einer Ente habe der größte, den ihr Vater einst gefangen hatte, noch ausgespien, bevor er gefüllt wurde für den Freitag. ‚Milch‘: Rogen vom Bückling, vermisse Erika schmerzlich, vor Vögel ‚stiften‘ gehe Ingrid.

Ich lasse die Wendungen noch ein bisschen auf mich wirken, „Scheibenkleister“, „Knies und Krach haben“ mit etwas, „stiften gehen“ und „tu ’se machen“, „nix zu Beißen“ haben, „Last“ haben mit etwas und nehme mir vor, zu einem Glas Pils und einem fair geangelten Fisch noch ein bisschen über mein Smartphone und seine Gottlosigkeit nachzudenken, in dem ich erstmal „Rhesusäffchen“ google, an diesem schwülhitzigen Nachmittag mit diesen aufgeräumten Senioren der Gute Hoffnung – leben.

 

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