Familienpuls

Es ist die Dankbarkeit gegenüber einer Pflegefamilie. In ihr sprach man miteinander. In ihr war man füreinander da. Man fasste sich an und fühlte den Puls.

Ich kam noch vor der Wende zu meiner besten Freundin Ines nach West-Deutschland. Zusammen mit Ines’ Mann – ihrer Mutter Monika und ihrem Vater Norbert – feierten wir Heiligabend.

Monika war eine aufgeschlossene Frau, die mich in die Familie schloss wie ihre eigene Tochter. Durch meine enge Freundschaft zu Ines hatte ich am Leben der ganzen Familie teil. Monika erzählte mir von ihren Vorfahren, von der Geschichte Essens, dem Krieg, dem Neuanfang. Und sie erzählte mir, wie sie zum christlichen Glauben kam.

Ihr selbstgeschriebener Band mit den frommen Gedichten liegt noch heute auf meinem Nachttischchen. Monikas Stimme flüstert mir manchmal zum Einschlafen seinen ganz tiefen Sinn. Durch unsere gemeinsame Lektüre konnte ich damals auch meinen eigenen Glauben finden. Stunden haben wir damit verbracht, die Sprache der Bibel für uns zu verstehen. Richtige ‚Exegese-Stunden‘ sind mir in Erinnerung geblieben.

Das Haus von Monika, Norbert und Ines war für mich eine Art Herberge.

Monika hat für mich gekocht: „Probier das mal. Ist lecker. Ist Gulasch.“ Die Beziehung zwischen Monika und mir durfte viel intensiver sein als die zwischen Ines und ihrer Mutter. Denn Ines hatte viel zu tun, sie führte ein Blumengeschäft und hatte einen kleinen Jungen mit Autismus. Ines` Mann litt unter Muskelschwund. Monika und ich hatten einfach Raum, eine gemeinsame Vertrauensbasis zu entwickeln, die sich mehr und mehr festigten konnte.

Durch unsere Nähe entging mir nicht, dass Monika abnahm. 13 Kilo verlor sie in zwei Monaten. Ich war schockiert. Bald schon stellte sich heraus, dass Monika einen kindskopfgroßen Tumor in ihrem Bauch hatte. Sie legte sich meine Hand auf, ich sollte fühlen. Was ich fühlte, war wie ein Fußball unter Haut. Nicht im Volumen, aber so hart und wirklich, wie er war. Monika nannte den Tumor „das schwarze Tier“.

Bald schon kam die Phase, in der alle Möglichkeiten abgewogen wurden: Chemotherapie, Bestrahlung, Hormonbehandlung. Monika änderte ihre Essgewohnheiten. Ihr Körper lehnte Eiweiß völlig ab. Joghurt, Fleisch, Käse – das alles vertrug sie nicht mehr. Stattdessen aß sie viel Weißbrot, Stuten und Kuchen. Manchmal hatte sie Lust auf Erdnussflips oder Pudding mit Vanillesoße. Sie aß so ziemlich alles, was keine Nährstoffe enthält. ‚Der Tumor sucht sich das‘, so dachte ich damals, was dem Körper die Stärke entzieht, was ihn nicht mehr zu Kräften kommen lässt. Im Krankenhaus sollte Monika Astronautenkost bekommen. Die war richtig sämig und lecker. Das weiß ich, weil Monika sie mir in die Handtasche schmuggelte.

Während ihrer regelmäßigen Bluttransfusionen versicherte mir Monika oft: „Es ist gar nicht nötig, dass Du irgendwas machst. Die Hauptsache ist, Du bist da. Mein größter Wunsch ist, nicht allein zu sterben, meine Familie um mich herum zu haben.“ Und das ist etwas, das ich jetzt, nach dieser Erfahrung mit Monika, gelernt habe: Wünsche müssen ausgesprochen werden. Und man muss sie organisieren, damit sie erfüllt werden können. Und an aller Anfang steht das einfache Drüberreden. In dem Moment damals habe ich es nicht geschafft, mein Versprechen zu geben. Ich habe Monikas Herzenswunsch nicht angenommen, in seiner nüchternen und deshalb vielleicht auch schmerzlichen Dimension. Heute würde ich viel entschiedener reagieren. Aber ich weiß jetzt auch, dass schlechtes Gewissen noch weniger bringt. Die Frage, die mich seit meiner Begleitung Monikas beschäftigte, war die: „Wie kann man Sterbenden helfen, ohne sich selbst oder Teile von sich selbst zu verleugnen?“

Monika konnte sich schlecht bewegen, alles tat ihr weh. Ich pflegte ihre Füße, schnitt ihr die Fingernägel, kämmte ihr Haar, cremte ihre Haut. Die Berührung mit der Hand, die Wärme – das war es, was Monika besonders genoss.

Meine Zuwendung zu Menschen musste ich selbst erst ‚lernen‘: Als Friseurlehrling war es meine Aufgabe gewesen, Haare zu schneiden und wegzufegen, von Mädchen, von Jungen, später von Damen und Herren. Ich bekam eine Kontaktallergie und musste umschulen zu einem sogenannten ‚trockenen Beruf‘. Ich hätte damals auch mit Gummihandschuhen arbeiten können. Aber darum ging es nicht. Erst mein Job als Bürokauffrau, in dem es um viel Geld, Profit und darum ging, in seiner Leistung wahrgenommen zu werden, lehrte mich, wie Menschlichkeit verloren gehen kann. Und da erst begann ich, Menschen anzufassen.

Während unserer gemeinsam entwickelten Routinen hatten wir Ruhe, alte Zeiten Revue passieren zu lassen. Monika war in ihrem Leben sehr agil, sie reiste viel. Und ich reiste noch einmal mit. Ihr Mann war fürsorglich. Ein kräftiger Mensch, der seine Frau umsorgte und sie bekochte; was es auch war, das Monika noch Freude bereiten konnte.

Norbert und ich haben manchmal einen gehoben. Das war so ein Ritual nur zwischen uns. Durch mich fand Norbert Zeit und Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, für sich zu sein, oder eben ‚Dinge zu erledigen‘: einkaufen zu gehen, für genug Salbe zum Eincremen zu sorgen, Medikamente abzuholen, Wäsche zu waschen. Seine Hemden trug er ungebügelt, dafür seine Frau auf Händen und zur Toilette. Bis die letzte Phase eintrat und Norbert seine Frau wusch – Am Ende nur noch mit dem Gewicht einer Fliege.

„Alles schmeckt pelzig“, sagte Monika einmal. ‚Der Geschmack von Krebs ist bitter‘, dachte ich. Einmal hatte Monika richtig Appetit auf ‚Pommes mit fett Majo‘. Ich bot der Verkäuferin den vollen Preis an, sofern sie mir nur schnell eine Hand voll gab. Als Monika gerade mal fünf Pommes verschlingen konnte, ging mir mit jedem blöden Kartoffelstäbchen das Herz auf. Entweder der Körper verhungert, oder er erstickt. Vielleicht wusste Monika, dass sie lieber verhungern wollte. Ihr Körper ließ sich selbst verhungern, damit sich das schwarze Tier verzehrt.

Wenn ich Monika besuchte, zog ich meine Schuhe aus und legte mich in Straßenkleidung auf’s Bett. Monika lag leicht erhöht, sodass ich ihr meinen Arm unter die Schultern schieben konnte. Auf der Brust, kurz unter dem Hals, hielt sie meine Hand fest, um mir zu sagen: ‚Da, wo du fühlst – da fühlt es sich bei mir gut an.‘ Ich habe meinen Kopf eng an ihren gelegt, mich nahe an sie gekuschelt, sodass ich ihren Atmen auf der Haut spüren konnte.

Monika bereitete sich auf ihren Abschied vor. Sie hatte eine Schmuckschatulle und eine Kette für mich vorgesehen. Ines hatte ihr vorgeschlagen, dass sie mir ihre Habe doch persönlich geben solle. So könne Monika meine Reaktion noch sehen; sehen, wie ich mich freue. Und auch das habe ich heute tief verstanden: Dass es Sterbenden nicht nur wichtig ist, geliebt zu werden, sondern dass sie auch ihre eigene Liebe zum Ausdruck bringen möchten.

Monikas Kette mit den Bernsteintropfen in kleinen Silberrähmchen hat ihren festen Platz neben meinem Schmuckspiegel. „Du glaubst gar nicht, wie kostbar mir das ist“, höre ich mich noch heute zu Monika sagen. Und Monika höre ich dann später im Krankenhaus zu mir sagen: „Ich habe dir doch genau erklärt, wie man die kleinen, bunten Karten richtig abschneidet, immer eng an der Kante entlang“. Es muss eine plötzliche Erinnerung gewesen sein, in diesem anderen Bewusstseinszustand, vielleicht ein Gedanke an ihre Kinder, der sich zwischen zwei Löffeln Tee Platz verschaffen musste.

Es ging dann alles sehr schnell. Ich war traurig. Aber ich konnte die Traurigkeit überwinden, weil ich wusste, unsere Zeit würde durch mich weiter laufen.

Monika hatte eine feinfühlige Intuition. Ich habe ihr einfach – geglaubt –. Durch diese Gabe war nichts belanglos und zugleich brauchte Monika nichts als sich selbst und ihr tiefes Wissen. Dieser Schatz ist etwas, den ich für mich hüte. Von ihm zehre ich. Und wenn ich nun durch die Augen Monikas sehe, dann bleibt etwas von ihrem Instinkt.

Als Friseurin hatte damals meine Haut reagiert: Offensichtlich hatten meine Hände gewusst, dass ich würde Menschen anfassen und bewusst wahrnehmen müssen. Meine Hände waren es, die mich zur Sterbebegleitung brachten.

Monika hat den Tod ins Leben geholt. Sie hat mir die Angst vor ihm genommen. Und nun kann auch ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen. Es ist wie ein innerer Frieden. Wer so stark glaubt wie Monika geglaubt hat, ist eine starke Persönlichkeit, so empfand ich spontan. Und es war die Erkenntnis, die mir bis dahin für mich selbst gefehlt hatte: Der Glaube an mich selbst, mich mit mir selbst zu beschäftigen und auseinandersetzen. Mit dieser Intuition braucht man keine Worte.

Am Tag von Monika Beerdigung verstarb auch ihr Mann Norbert.

Ich setzte mich noch eine Weile zu Ines und so schwiegen wir.

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