Ich finde dieses Europa sehr schön

„Die Alten haben nicht an die Jungen gedacht, nur an sich selbst“, nuschelt Horst in seine Kaffeetasse, heute, am 24. Juni 2016. Der Brexit hängt den Bewohnern der Gute Hoffnung in den Mündern fest, kürzlich passiert und schon lästig, ärgerlich so irgendwo zwischen Zähnen und Hals. Ursula, die wegen der Liebe ihres Lebens lange Zeit in England gelebt hat, kommentiert da mit etwas mehr Schmackes den drohenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union: „Die sind enttäuscht und nun können sie nicht zurück. Die haben aus Protest gewählt, die wollten eigentlich, dass man drin bleibt, aber: Weit gefehlt! Da ist der Boris jetzt sprachlos.“

20160723_12

Auch Irmgard gibt ihre Interpretation der jüngsten europapolitischen Ereignisse dem Gespräch bei. Sie ist eine 78-Jährige Sterkraderin, zweifache Mutter und mehrfach Oma, die über jedes Thema spricht, als wolle sie einen Streit zwischen Kindern schlichten. Dabei artikuliert sie die Worte mit so behutsamem Stimmchen, dass man den bei ihrer Rede entstehenden Schaum sachte abschöpfen könnte. „Das ist jetzt ein beschlossener Austritt!“, sagt sie in die Runde, die sich zu uns ins Café Bistro Jahreszeiten gesellt hat, um über Früher und Heute zu sprechen, „die Schotten wollen von England weg, denn die wollen drin bleiben, und ich, ich finde dieses Europa sehr schön!“

20160723_11

Am Anfang sei es furchtbar gewesen, was diese Brüsseler diktiert hätten, da sind sich die Teilnehmer des heutigen Erzählcafés einig. Schnell entwickelt sich aus ihrem Tagesschau-Medley ein Schlagabtausch aus Komissionskonformitäten, angefangen bei krummen Bananen über individuelle Äpfel bis hin zur geraden Gurke, der berühmtesten Festsetzung über Qualitätsnormen für Obst und Gemüse. Das Schiefe, Individuelle, Einzigartige falle dem Großen zum Opfer, rückt Ursula sich ihre Sehhilfe zurecht, schimpft noch ein bisschen über den ‚Zankgurken‘-Evergreen, aber nicht als einen alten Witz, der längst Bart tragen würde, sondern als die Gleichmachung, die er sei. Die eckt bei den meisten von den Bewohnern der Gute Hoffnung, viele von ihnen Zeugen von Krieg und Mauerbau, so sicher an, wie die nun in England auf ‚Ja oder Nein‘ festgezurrte Entscheidung: „So was wie mit den Gurken, das können die Engländer nicht ertragen“, erklärt Ursula, „der Engländer lässt sich nichts vorschreiben, der denkt, ‚jetzt erst recht!‘ Und außerdem: Wenn die doch krumm wachsen, wachsen die eben krumm, die schmecken eh viel besser.“

Auf den Tischen des Café Bistro Jahreszeiten baumelt die Kamille kopfüber aus den Väschen, im Innenhof werden Grills befeuert und in einem der Seminarräume um die Ecke tagt heute die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke. Ich notiere mir „Ameisenköder wieder hinstellen“ auf meinen Block an diesem schwülwarmen, aber typisch wolkengemäßig-verhangenen Samstagnachmittag, an dem mein kleiner Sohn auf dem Boden des Bistros krabbelt, spielt und sabbert.

20160723

Die Fußball-EM hängt in der Luft, aber das interessiere sie alles nicht mehr, seufzt Irmgard, und mir scheint, wir sind heute alle irgendwie verkatert. Wilma geht es nicht gut, sagt sie, nur müde erzählt sie dem ihr gegenüber sitzenden Ehepaar, dass den Kirschstreuselkuchen genüsslich in kleine Stücken zerlegt, von ihrer zuletzt geschriebenen Kurzgeschichte. Den Kopf hängen lassen komme für die 80-Jährige nicht in Frage, sie schreibe doch so gern, aber der Eisenmangel mache fruchtbar müde. Katrin, Betreuerin der Mieter, fängt die Situation auf, streicht Wilma über den Arm und versichert, schon aufgesprungen, sie wolle erst einmal Getränke holen. Ursula, die sich etwas verträumt-unorientiert im Café umsieht, raunt sie vertraut in die Seite: „Dir hole ich Dein Wasser“. Ursula trinkt ihren Kaffee immer „gut verdünnt“, sodass er ein bisschen wie English Breakfast und ihre lange Lebenszeit an der Südküste schmeckt. „Kann ich mal dahinten gucken?“, fragt sie Katrin, „da, was die mit den Muskeln machen? Das interessiert mich!“. „Dahinten tagen die ohne Muskeln“, flüstert Katrin ihr zu, lässt Ursula dann aber kurz zur Tagung schlurfen. „Mögt Ihr Blechkuchen?“, fragt die Mutter von drei Kindern und erntet ein „Na klar“ von allen Seiten, „wir haben extra kein Mittag gemacht!“ Die Ameisen kletterten ja schon zu ihr hoch, witzelt Wilma, weil Waltraud, die unter ihr wohne, nur noch trockenes Brot im Schrank habe.

Es ist dieser harmlose Humor, der typisch für die Nachkriegsgeneration ist, den sie sanktionslos verlauten lassen durfte und mit dem sie sich so gut zuredend über Wasser halten konnte, frei nach Oscar Seifert:

Kinder, kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten!“

20160723_8

„Die Sprache ist so roh geworden“, klagt Ursula in unser Gespräch ein, das vom Brexit über Obstböden und Europameisterschaft nun irgendwo im aktuellen Fernsehprogramm hängen geblieben ist, „‚Super‘, ‚Mega‘ – unsere Sprache hat die Adjektive verloren und verdreht alles in ein Kauderwelsch“, kritisiert sie, „das Wort ‚Sch….‘ hört man überall, man merkt es nur nicht, weil es auf Englisch so viel weniger schlimm klingt.“ „Ich meine, das hat in den 90ern angefangen, mit den Peepshows, Tutti Frutti, Erika Berger“, streut Wilma ein, und Katrin gönnt ihr: „Was die Wilma alles weiß!“.

„Ja“, sagt die heute schlappe, aber irgendwie so tapfere Wilma weiter, „da fingen die Leute an, sich nicht mehr eine Sendung anzuschauen, bis das Testbild kam, sondern 24 Stunden fernzusehen, so, als lebten sie in einer anderen Wirklichkeit.“

Wir sortieren die Entwicklungsgeschichte des deutschen Fernsehens vom Ersten über das Zweite bis zu den Privatsendern, Radio Television Luxemburg in den 80er-Jahren, als Heinz den Grund für seine Fernsehphobie einruft: „Wenn ich das erste gucke, kann ich das zweite nicht gucken.—“

20160723_4

„Als wir 30 waren, haben wir ‚Mensch ärgere dich nicht‘ gespielt, Mühle und Schach, haben gesungen, Hörspiele gehört, Wäsche ausgebessert und miteinander gesprochen“, sagt Irmgard. Von echter Freizeitbeschäftigung schwärmt sie, bis das Fernsehen dann zu den Grundbedürfnissen zu gehören begann, vom Arbeitslosengeld abgedeckt wurde und sicher vor Verpfändung war. „Fernsehen ist aber auch was Gutes!“, stimmt Hedwig mit ein, „wenn man krank ist, lenkt es einen ab, wenn die Ängste kommen, kann man sich die Geschichten von anderen ansehen, wie so ein Ritual kann ich meinen ganzen Tag nach den Sendezeiten bestimmen und ich vergesse über manch einen Beitrag sogar meine Luftnot.“

Aber lieber sähe man sich einen schönen Heimatfilm an.

20160723_620160723_7 120160723_6 120160723_6

 

Die Senioren der Gute Hoffnung können sich noch so richtig echauffieren über ‚DasFernsehen‘, vielleicht bald schon eine gute alte Reliquie vor Podcasts on demand. Beeindruckend stoßen sie ihre Vorwürfe wie an ein Gegenüber aus, das anwesend wäre, so richtig mit Zorn über sein fehlendes Benehmen und seine Anstandslosigkeit: „Was ist das denn für ein Quatsch, was bieten sie uns an, was ist das für ein Schwindel?!“, klagt da Ursula ein. Sie scheint Fernsehen als ein Verhältnis zu sehen, das ein Käufer mit einem Anbieter eingeht, und das von einer noch irgendwie ungetrübten Erwartung an gute Berichterstattung geprägt ist. Ihre Tochter könne heute auf die Frage, wie das Wetter sei, gar nicht mehr kurz antworten. Ursula erfahre dann auch gleich die Temperaturen in Berlin, in München, in Tokio… . „Früher stand in den Telefonzellen ‚Fasse dich kurz, nimm Rücksicht auf andere‘, heute können alle ihren KOKOLORES ungezügelt

d

u

r

c

h

e

i

n

a

n

d

e

r

r

e

d

e

n.“

Wir kommen auf das fünfjährige Jubiläum der Gute Hoffnung zu sprechen und darauf, wie es sich hier lebt seit dem Richtfest 2011. Ich erfahre, dass gerade das sich holperige Zurechtruckeln der Dinge — vom Montagsgebet über die richtige Höhe von Kühlschränken bis hin zum Einsatz von Kukident an Hauswänden — dafür sorgte, dass man sich schon von Beginn an wie zu Hause fühlte. Wilma ist in dieser Hinsicht ganz hemdsärmelig und hat sich kurzerhand ihre Küche umschreinern lassen. Das zurechtgepuzzelte Kochnischenkonzept der 80-Jährigen aus Gewürzkonsole, Mikrowelle und vom Enkel verlegtem Strom klingt so pfiffig, dass Katrin gleich einen Termin in der Musterwohnung sichert. „Die Ruhe, die ihr hier habt, ist herrlich, das Grün, und dass man mit den Pflegern so locker sprechen kann“, bringt Horst ein und damit Wilma auf einen wertschätzend, beinahe ergebenen Kurs, wie man ihn an diesem Ort oft spüren kann: „Besonders liebe ich es, bei Gewitter auf dem Balkon stehen zu können, ohne nass zu werden. Dann kracht und blitzt es unter Sterkrade, und ich, ich darf mir das ansehen.“

Wilma ist ihr Leben lang gern gereist. Heute träumt sie sich mit den Reisezielen, die gleich nach den Kreuzworträtseln sortiert sind, nach Rimini. „Ich würde so gern noch einmal nach Cuxhaven“, entfährt es Wilma dann doch ein bisschen schwärmerisch-schwermütig, und Ursula fragt: „Was willst Du denn da?“, „Was will ich da – ein Fischbrötchen essen.“

Katrin bringt mir Windräder an den Tisch, die mir zeigen sollen, wie die Gute Hoffnung der Verstorbenen gedenkt. Zur Veranschaulichung pustet sie in die pink-, blau- und petrolfarbenen Windräderblättern, und da schimmern Vor- und Zunamen in die laue Luft. „Die standen zwischen uns, beim Grillfest, unserer internen Jubiläumsfeier“, erklärt mir Katrin, selbst wieder gerührt, als sie andächtig dem Farblichtspiel folgt. „Diese Zugewandtheit, einer für den anderen, auch für die, die erst später einzogen“, sagt Wilma, „und dass man mit jedem ins Quasseln kommt, das gibt es so nur hier.“

20160723_2

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

CAPTCHA-Bild

*