Datt krich ich auch mit starker Lupe nich mehr hin

Der Lauf des Grendbachs machte einen Schlenker unter sein Haus, erzählt er mir, genauer: zwischen der Waschküche und der Vorratskammer seines Wohnhauses in Essen-Steele. Die Grenze zwischen dem Rheinland und Westfalen, sie wurde entschieden von der untersten Stufe der Treppe des Kellers von Horst.

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„So wie der Bach verlief, so war unser Keller drumherum gebaut“, erzählt mir der 89-Jährige von einem alten Grenzstein, an dem das Rheinland aufhört und Westfalen anfängt oder umgekehrt; beides vor Kriegsbeginn preußische Provinz, seit Kriegsende Mentalität und mitten drin, in den 1930er-Jahren, für Horst nichts weiter als die Unterscheidung Kohlen links von Kartoffeln rechts des Steins im Bach im Haus. Mit grinsend-roter Spannung im Gesicht sieht Horst mich an, mit ein bisschen Aufregung in den Augenbrauen und doch einer jahrelangen Erfahrung mit der gemäßigten Grenzsteinpointe.

„Überall auf der Welt wird heute wieder über Grenzen gesprochen“, sagt der alte Mann mit dem Sportmotivstrickpullover, nun mit nachlassender Witzeerzählerpose und fast ein bisschen müden Augen in die Kaffeerunde der Gute Hoffnung hinein. „Ich weiß, wie das ist, flüchten, wir wurden zwei Mal in Borbeck ausgebombt, die Fabriken von Krupp waren einfach zu nah“, ergänzt Horst, seine Nase schon wieder tief in der kaum größeren 200 ml-Kaffeetasse. Eine Dame mischt sich ein: „Völkerwanderungen hat es schon immer gegeben, eigentlich ja schon im 2. Jahrhundert vor Christus, und wenn man an Katharina die Zweite denkt, die unsere Bauern ’rübergeholt hat —.“

„Wir sind damals auch geflüchtet“, sagt Lilly, „in landwirtschaftlichen Lastwagen und Bussen flohen wir, nur die Gruppen waren viel kleiner“, erzählt mir die zierliche Frau mit dem gewinnenden Lächeln, dem grauen Haar und einem rollenden r im Akzent, „wir waren so um die 40, 50, 60 Leute, übernachteten in Scheunen, und einer übernahm immer die Führung. Wir teilten dann unsere ausgekochten Kartoffelschalen, schliefen in Fabriken, futterten uns bei den Bauern durch. Dass man bettelte, das war verpönt. Krieg und Hunger, ja, aber betteln, das durfte man nicht!“

Ich sage Lilly, dass es mir viel bedeute, ihre Geschichte zu hören, und auch die der anderen: von Auswanderungen ans schwarze Meer, vom Leben in den deutschen Kolonien und von einer Flucht in den Harz bis zur DDR und über die Grenze nach Aachen. Ich zeige Lilly einen Ausdruck des letzten Beitrags für diesen Blog mit den Fotos von Rosemaries Tassen, die sie mir schenkte. Lilly nimmt das Papier kurz zwischen die Finger, um es mir doch gleich wieder in meine Mappe zu schieben und zu erklären: „Als Kind hat man nur wahrgenommen, das Interpretieren kommt dann im Alter. Und was du jetzt da geschrieben hast, sehe ich nicht mit meiner Brille, das kriege ich auch mit starker Lupe nicht mehr hin.“

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Lenchen heißt die Dame, mit der ich über Kindsein in den 40er-Jahren im Ruhrgebiet ins Gespräch komme. Ihr Erzähltes zuppelt sie meinem kleinen Sohn, den ich während des Gesprächs auf dem Arm halte, vom Pulloverbündchen in die Stoffwindeln und gurrt ihm zu: „Nicht, dass du dir die Blase jetzt schon erkältest!“ Lenchen sei ein schöner Name, sage ich der weißhaarigen Dame mit den weichen Augen, in Erinnerung an meine eigene Namenssuche für mein Kind zwischen all den altdeutschen Namen, die im Moment wieder in der Luft liegen. „Nein“, poltert es da aus dem früheren Kind heraus, „eine Nonne hat einmal wirklich anerkannt, was es bedeutet hat, ein ‚Lenchen‘ sein zu müssen, ‚Armes Kind, armes Kind‘, hat die gesagt, und auch ich meine heute, nach 87 Jahren Lenchen heißen, ‚Man muss immer an später denken‘!“

„Kriegt der genug zu essen?“, sorgt sich nun Lilly um meinen kleinen Sohn, als sie ihn sich näher ansieht und gleich auf ihren Schoß zieht, was der mit einem zufriedenen Grunzen erwidert und sich neugierig in den feinen Mohairpullover von Lilly richtet, um an den Knöpfen zu ziehen. Lilly nimmt seine Händchen und untersucht sie vor ihren dicken Brillengläsern, fährt mit wissendem Blick auch seine Kinn- und Nackenfalten ab und bald auch mit ihren dagegen dunkelhäutigen, weich-faltigen und von Pigmentflecken überzogenen Fingern. „Ach, nicht zu viel Speck“, wirft da gelassen und laut Hilde ein, „der kommt noch früh genug!“

Im Humboldthain in Mülheim an der Ruhr, dort, wo Lilly mit ihrem Mann von 1982 bis 1994 gelebt hat, musste sie sich keine Sorgen um Wohlergehen machen, beginnt Lilly zufrieden ihre Geschichte von hinten zu erzählen. Im Haus mit der Nummer 82 habe sie gewohnt, „mit Sieben’siebzig, das war ja noch kein Alter, da konnte man ja noch alles machen, renovieren und so.“ Lilly erzählt mir von dem kleinen Häuschen in der alten Zechensiedlung, die nicht mehr zur Siedlung Heimaterde gehört, sondern zur Zeche Rosenblumendelle. Ihr Bruder, heute 94 Jahre alt, habe als Bergmann gearbeitet und so ein Vorkaufsrecht auf die zuletzt von Stinnes verwaltete Immobilie gehabt. „Die vielen Ecken, Nischen und Winkel um die Fensterchen, die Schafe und Hühner in manchen Gärten, das war richtig gemütlich, wie ein Puppenheim. Doch als mein Mann und ich älter wurden, merkten wir die ganzen Treppen: man kommt rein und ist in der Küche, muss eine Etage tiefer zur Toilette und wieder hoch zum Schlafzimmer. Das ist was für Familien mit kleinen Kindern, nichts für uns.“

hellTransfer4Lilly zu Liebe fahre ich zum Torbogen des Humboldthains und mache ein paar Fotos für sie. So komme ich ins Gespräch mit einem älteren Herrn, der gerade ein altes Mountainbike in seinen dafür scheinbar viel zu kleinen alten Golf, grün-metallic, verstauen will. „Die machen ja astreine Fotos, diese Digitalkameras. Mein Sohn hat sich auch eine gekauft und Wahnsinns-Aufnahmen in Thailand gemacht. Meine Frau hatte früher eine Minolta, aber die Fotos schaut sich doch niemand mehr an.“ Als ich erwidere, ich würde mir schon gern alte Fotos anschauen, kommen der kleine Mann und ich ein bisschen näher ins Gespräch, über seine Frau in jungen Jahren, ihre Fotos und Briefe, und dass ihn diese Erinnerung an eine vergangene Zeit schnell traurig machen würden.

Der tapfere Herr in kariertem Flanell und Wollmütze mit besticktem Stauder-Logo hat viel zu erzählen, von den Nachbarn im Humboldthain und dem ‚Knies‘ zwischen den Kruppianern und Rosenblumendellern. Die alte Zeche von Stinnes, von der mir auch Lilly erzählte, wurde 1968 geschlossen, lange vor dem politisch beschlossenen Ausstieg aus dem Bergbau. Er erklärt mir „für wenn Ihre Söhne mal ins BMX-Alter kommen“ die Fährte zur sogenannten Todesabfahrt, die seine Kinder mit ihren Teufelsmaschinen hinuntergebrettert seien. Und Lilly kennt er auch noch, die soll ich schön grüßen, wenn ich sie das nächste Mal sehe.

Fasziniert von Geschichten, die mir so fern sind und doch allesamt so schnell zu erreichen waren, setze ich mich zu Rosemarie, die wie immer in sich hineinschmunzelt. Ich kenne kaum eine alte Dame, die so vergnügt aussieht, auch wenn sie es nicht immer ist. Ihren Mann vermisst Rosemarie, dass es weh tut, aber sie lässt den Kopf nicht hängen, kommt zum Erzählcafé und berichtet mir von ihrer Hilfe für die Menschen, die im Moment in Deutschland ankommen, von den Nähkursen, die sie den flüchtenden Frauen ehrenamtlich gebe: „Die haben so viel erlebt, das kann ich alles gar nicht aufnehmen, aber Handarbeiten können die Frauen wenigstens, ein Stück häkeln oder sticken, so denke ich.“ Für die Initiative der Helfenden Hände wage sich Rosemarie sogar noch um 16 Uhr mit dem Bus außer Haus, trotz der Dunkelheit, und gehe dann allein nach Hause.

hellTransfer3Der Markt sei abends schlecht ausgeleuchtet, bestätigt Horst, und dass manche Alte deswegen noch unbeholfener seien. Tagsüber dagegen seien die Plätze in Oberhausen Sterkrade sehr beliebt, da sei heute, am Samstag, auch jeder aus der Gute Hoffnung gewesen, „aber nicht wegen des schönen Wetters“, werde ich korrigiert, „nein, wenn man auf dem Markt war, dann ist man müde, da ist die Sonne egal.“

Ich erfahre noch so einiges, das mich in seiner ganzen Unaufgeregtheit überrascht: von der Relativität schönen Wetters im Alter, von zu vielen Treppen im eigenen Zuhause, die wie plötzlich, nach 20 Jahren, aus dem Boden zu fahren scheinen, und wegen denen man es irgendwann im Alter verlassen muss.

„Erst baut man auf, dann baut man ab, irgendwann für immer. Aber unsere Heimat bleibt unsere Heimat, auch wenn wir sie nicht mehr bewohnen können.“

 

 

 

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