Ohne das Heute für schlechter zu halten, als ‚früher war alles…‘ gewesen ist.

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„Also WIR hätten nicht mit unseren Hosen auf dem Fußboden rutschen dürfen!“, poltert Rosemarie gleich los, in einer Mischung aus Empörung und Neid, als sie zwei kleine Jungen beobachtet, die mit vollem Einsatz ihrer kleinen Körper noch kleinere Matchbox-Autos vor sich her schubsen, kniend und rutschend, immer feste über das Industrieparkett. Eine zweijährige Locke und eine Zahnlücke von elf Jahren flitzen heute durch das Erzählcafé des Café Bistro Jahreszeiten, weil sich zu den üblichen Gesprächen, zu Kaffee mit Erinnerung, der Nikolaus angekündigt hat.

‚Zu wenig Möglichkeiten, an neue Hosen zu kommen‘, denke ich über den Kommentar Rosemaries nach, „zu wenig Flicken, um zu stopfen“, fügt die 87-Jährige korrigierend hinzu, als sie scheinbar meine Gedanken liest. „Knie“, „Löcher“ und „Hosenboden“ lassen wiederum Edgar förmlich springen: auf „Pegulanböden“ und „Holzdielen“. In einem groß angelegten Vergleich zwischen Auslegewaren und Bodenbelägen der 40er- und 50er-Jahre betont der gebürtige Duisburger die Nachteile von PVC, weil man den regelmäßig hat wachsen müssen. „Holzböden aus Fichte oder Kiefer“, so weiß der ehemalige Bewohner eines Werkshauses aus eigener Erfahrung zu beurteilen, waren „schon besser, den hatten die besser Verdienenden“. Doch auch das Naturmaterial musste das Relikt „Hausfrau“ hochfrequentiert putzen und bohnern, ölen und polieren.

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Edgar ist 83 Jahre alt und zum ersten Mal dabei, wenn sich die Bewohner der Gute Hoffnung leben und interessierte Menschen aus Oberhausen Sterkrade treffen, um sich auszutauschen, um sich zu erinnern, und um nicht immer alles für besser zu erklären als es heute ist.

Edgar erzählt mir, um seinen Vergleich von eben abzuschließen, dass, wer Geld und Möglichkeiten hatte, seine Holzdielen nuten lies, während Nageln die weit verbreitetere Art war, die Bohlen stabil miteinander zu verbinden; jene, die zu kurz zum Auslegen waren, und doch lang genug, um auf vier mal vier Quadratmetern einer Familie im Kohlenpott festen Boden unter den Füßen zu sichern. Edgars Frau starb in diesem Jahr, das erzählt mir der aufrechte Herr mit dem weichen Blick auch.

Weihnachten und Sylvester ist der Witwer schon für das Weihnachtsprogramm der Kurklinik Bad Kissingen verplant, „Nur nicht allein sein und sich die Decke zu tief hängen lassen“. Beim Erkennungsdienst habe er gearbeitet, erzählt mir Edgar sachlich und selbstbewusst, berichtet von den Nachkriegsjahren zwischen Duisburg, Oberhausen und Mülheim an der Ruhr, von Südseereisen mit seiner Frau und von sich. Im Jahr 1932 wurde er geboren, „am ersten Weihnachtsfeiertag, und schon am zweiten war ich getauft“. Als sein eigener Sohn geboren wurde, erinnert sich Edgar, musste der Kindsvater noch schnell das Geld für den Krankenhausaufenthalt an der Pforte abdrücken, bevor die Gebärende niederkommen durfte. In der Kneipe stieß Edgar, glücklicher Vater, dann mit seinen Kollegen auf den Nachwuchs an, um dann später mit Zigarretenmief die Schicht um Zwei anzutreten.

So, wie Edgar den Krieg erzählt, ist es, als fließe Farbe in Schwarzweissaufnahmen, als begännen Filmstills, sich ganz langsam anzukurbeln: „Im Krieg lebte es sich gefährlich, im Ruhrgebiet lebte es sich noch viel gefährlicher“, erinnert sich Edgar an die Bomber, die in den Industriezentren ihre Einzugsgebiete hatten, „Marxloh, Hamborn – das waren ihre Tore, in Verbünden kamen sie und legten Bombenteppiche“. Diese Erlebnisse bleiben unvorstellbar für mich, aber Edgar berichtet recht aufgeräumt: „Wir Blagen hatten die Nase immer voraus, wir schauten den Kolonnen der Flugabwehrkanonen direkt in die Scheinwerfer“, erzählt der Junge von damals selbst ungläubig-schauernd, nicht ehrfürchtig, ein bisschen mit einem rätselhaften Glanz in den Augen, „Und ehe der Alarm losging, stiegen Fesselballons an Seilen hoch ins Schwarze –“.

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Im Festsaal der Gute Hoffnung leben, wo sich heute rund 20 Menschen versammelt haben, schmeckt es ein bisschen nach gebrannten Nüssen, Äpfeln und der eingeschleiften Konditionierung auf Alle Jahre wieder. „Nur Mandeln, ein bisschen Wasser, Zucker und Zimt“ streue Katrin in die übergroße Pfanne, ihren Mandelbrenner aus eigenem Besitz, erklärt die Betreuerin der Mieter verschmitzt, „um Knecht Ruprecht noch ein bisschen versöhnlich zu stimmen“.

„1949 bin ich auf der Ruhr gepaddelt“, nimmt Edgar unser Gespräch wieder auf, als ich mit einer Hand voll Nüssen wiederkehre, während Edgar mit einem offenbar untauglichen Kuchenheber tapfer ein ausgespähtes Stück Streuselschnecke von einer Ecke der Platte zur nächsten schiebt. Wenn Edgar von der Ruhr spricht, meint er damit nicht das inzwischen auch für seine Artenvielfalt und Grün bekannte Flüsschen, in dessen Auen man beobachten kann, wie Eisvögel, Haubentaucher und Reiher andere Tiere beobachten. In Edgars Jugend war die Ruhr ein dreckiger Industriefluss, für ihn dennoch, vor allem in der Rückschau, ein Idyll, belebt von Abenteuern beim Zelten und den Nächten auf der sogenannten Liebesinsel. Von der wurden abends die Mädchen und die ‚20-Jahre-und-11-Monate‘-jungen Erwachsenen durch den „Mülheimer Ordnungsdienst“ verscheucht, verrät mir Edgar mit schelmischem Blick.

An der Mendener Brücke, dort, wo sich die Ruhr teilt, hat Edgar, damals 14, mit seinen Freunden gecampt. „Es war das Gefühl von Freiheit, etwas tun zu können“, antwortet er mir auf die Frage, was ihm das Freie, die Natur, bedeutet habe in der Zeit nach dem Krieg, zwischen der „Penne“, wie seine Generation das Gymnasium genannt hatte und einer Tristesse, die von ihrem heute kokett gefeierten Charme einer Kulturmetropole noch weit entfernt war. Ich bin überzeugt von Edgars Gefühl. Auch von Edgar so an sich, der mit jedem Wort, das er mir erzählt, wieder ein bisschen abenteuerlustiger erscheint.

Rosemarie tippt mir auf die Schulter und reicht mir ein in einer gelben Papiertischdecke eingefalteten Karton. Bei liegt eine Karte, auf der steht:

„Herbst und Wintergetränk, Hallo! Anbei die versprochenen Rüdesheimer-Kaffeetassen. Wegen einer Geburtstagsfeier kann ich nicht zum Erzählcafé kommen. Bis zum nächsten Mal wünscht ihnen alles Gute Rosemarie L.“

‚Sie hat tatsächlich daran gedacht‘, denke ich und freue mich über das spezielle Porzellan für die hochprozentige Mischung aus Kaffee, in dem der Löffel muss stehen bleiben können und einer Sahnehaube, die so aufgetürmt wird, „dass beim Trinken die Nase reinstippt“. Rosemaries Päckchen hätte mich erreichen sollen, noch bevor ich sie beim letzten Treffen vermissen konnte. Nun hat sie es selbst noch einmal hemdsärmlig, wie ich sie bisher erleben durfte, aus der Verwaltung geholt und mir überreicht. Besonders freue ich mich über die Karte. In den Platzhalter für die Briefmarke hat mir Rosemarie geschrieben: „1970 alte Karte“. Die Ansicht zeigt den Oberhausener Bahnhof, hinter ihm eine Skyline aus Schornsteinen und darüber ein knallblauer Himmel, in den Wolken hinein retuschiert sind. Eine nachkolorierte Haltestelle in gelb bildet das zentrale Motiv des Vordergrunds, während zwei grasgrüne Laubbäume das Panorama säumen. Als Anzeigentafeln des Bahnhofs kann man schwer lesbar aber zweifelsfrei das „Bali“- Kino und die GUTEHOFFNUNGSHÜTTE identifizieren, na sicher.

2016_01_02_2Ursula gesellt sich zu uns und hält mir eine Fotografie hin. Es zeigt ihre kleine Urenkelin, ein wonniges Stückchen Frieden, in ein jackenartiges Stückchen Pelz gelegt, mit glänzenden kleinen Augen. Ursula hält das Foto in beiden gekrümmten Händen, als sei es eine Serviette für Krümeliges. „Die Geburt ist für meine Enkelin und das Baby gut verlaufen“, berichtet Ursula, lange Zeit Wahl-Engländerin und erst kürzlich zurückgekehrt ins Ruhrgebiet. In unser Gespräch über Kleinkinder und ihr Gedeihen mischen sich weitere Damen. „Saubere Kartoffeln“ habe ihre Urenkelin neulich gefordert, erzählt eine von ihnen, und übersetzt „Kartoffeln ohne Soße, pur“, während eine andere „Teller mit Mauer“ für die gelungendste Wortneuschöpfung hält: für Suppengeschirr.

Die Damen signalisieren einander mit regen Gesten und gespannter Mimik, dass sie das Repertoire ihres generationsübergreifenden Wörtertrainings noch lange nicht ausgeschöpft haben, als es an der Glastür klopft. „Mein Papa hat gesagt, ich darf nicht sagen, dass das der Nikolaus ist“, löst die elfjährige Zahnlücke, die inzwischen alle Matchboxautos eingeparkt hat, ein wohlmütiges, herzliches Lachen aus, das sanft durch die Punschbecherreihe raunt. Erwartungsvoll schauen alle Augenpaare zur Tür, durch die unversehens der bärtige Rotmantel eintritt. Er stellt sich sauber sortiert vor den großen Tannenbaum, der mit Glitterfirnis auf Kugeln doch zurückhaltend vor sich hin klunkert. „Oh, Vorsicht, mein Bischofsstab ist sehr wertvoll“, weist der Bärtige den Jungen freundlich zurecht, der sich etwas ungestüm gleich an seinen Mantel knöpfen will.

Der eigentliche Nikolaus, den er ja nur symbolisch vertrete, stamme aus Myra, der heutigen Türkei, erklärt der Bärtige, „Dort begrüßt man sich mit ‚Merhaba‘“, holt er für seine Friedensbotschaft noch etwas weiter aus. Er kommt auf die Hilfsbereitschaft unter den Nachbarn der Gute Hoffnung leben und wohnen zu sprechen und bringt mit verdächtigem Wissen einige Beispiele, während die mit Gaffer-Tape auf einem Besenstiel befestigte Plastikkrümme seines Bischofsstabes sanft zu zittern beginnt. Der Zweijährige, der seine Matchboxautos unter den Schoß geklemmt hat, wippt aufgeregt mit den Beinen. Mit offenem Mund starrt er die Erscheinung vor sich an, sein Blick nur für die verlockende, offenbar festschalige Mandarine in seinen Händchen dann und wann abwendend.

Kurz aber in doch andächtiger Ruhe bilanziert der Nikolausvertreter die größeren und kleinen Versehen des Alltags. Als Beispiel bringt er Katrins Schusseligkeit, sich Termine falsch zu notieren, oder die „doofen Wörter“, die der Elfjährige manchmal sage. Doch eigentlich sei Katrin, das hält der Nikolaus fest, „die gute Fee des Hauses“ und sie habe mehr als zwei Ohren für die Bewohner der Gute Hoffnung. Der Elfjährige, fügt er hinzu, „hilft dem Papa im Garten, kann toll Kettcar fahren und hält sein schönes Zimmer gut in Schuss“. Der Elfjährige grinst stolz, während der Zweijährige nun, den Blick immer noch konzentriert auf dem Nikolaus und den eigenen Mund noch suchend, sein erstes Mandarinenstück genießt.

Kleine Geschenke werden verteilt. Die Alten betrachten den Weihnachtsbaum, als reflektiere der unzählige und zugleich doch nur eine feste Erinnerung zu ihnen zurück. Die Kleinen knabbern ihre Schokolade zum Schmelzen. Als nur noch ein paar Zimtkrumen auf den Tellern liegen und die Luft feucht von würzigem Punsch ist, nimmt man noch einmal das Singen auf. Manche der Alten mit inbrünstiger Vibratio, wie leidenschaftliche Schwimmer, die nach langer Zeit endlich wieder ins Wasser tauchen dürfen, und zum ersten Mal bemerke ich die kleinen Traurigkeiten, die durch den Kanon der weihnachtlichen Volkslieder tradiert sind: „Still schweigt Kummer und Harm“, „Die Hoffnung und Beständigkeit, gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit“.

Einige von ihnen wissen besser um das, was die Erbauung manchmal notwendig macht, so wie Edgar, der in ihrer Mitte leise mitsingt. Vermutlich denkt er an seine Frau. Und das, ohne das Heute für schlechter zu halten, als ‚früher war alles…‘ gewesen ist.

 

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