Maria spielen, wenn die Rolle noch zu haben ist!

Ursula lebte nach dem Krieg lange Zeit in Manchester, „unten, an der Südküste“. Die Firma schickte ihren Mann mit Anfang Zwanzig nach England, wo das Paar gleich Anschluss an seine Kirchengemeinde fand. Andere Deutsche, manche von ihnen Kriegsgefangene, blieben mit ihnen im United Kingdom. Sie alle haben aus einer Situation ihre neue Heimat gemacht.

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„Heimat“ ist das Stichwort für Wilma, eines ihrer selbst geschriebenen Gedichte aus dem Stegreif zu zitieren. Es ist eine Hymne an die Mutter, eine rückblickende Wertschätzung ihrer und auch eine große Danksagung an sie. Den anderen Senioren am Kaffeetisch der Gute Hoffnung leben und wohnen entlocken Wilmas so ehrfürchtig wie fröhlich zusammengesteckten Worte ein zustimmendes Lächeln.

Ich selbst denke, wenn ich Wilma so zuhöre, an das selbstgenähte Kissen meiner Mutter und das reizvolle Geräusch, das die Nadeln machten, wenn ich sie nach dem Abstecken in den Baumwollstoff stechen durfte.

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Die ‚Anerkennung der Mutter‘ hat heute ja eher so ein bisschen den Beigeschmack des Verpönten, und vielleicht auch des etwas braun Schattierten.

Die ‚Anerkennung der Mutter‘ hat heute ja eher so ein bisschen den Beigeschmack des Verpönten, und vielleicht auch des etwas braun Schattierten.

Wilmas Zeilen werden aber von etwas anderem getragen – es reimt sich tatsächlich noch. Reproduktive Tätigkeiten waren mit einer Mutter, wie Wilma sie hatte, untrennbar verbunden. Die warmen Leibchen, die rund gekochten Kartoffeln, die gestopfte Schurwolle an den Füßen und das Glattbügeln von allen möglichen Falten des Lebensalltags konnten in gewisser Weise unmittelbarer mit der mütterlichen Fürsorge verbunden sein, „so wenig die manchmal emotional den richtigen Ausdruck dafür fand“.

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Während Wilma einen lyrischen Weg gefunden hat, ihr Zuhause noch einmal rückblickend auf besondere Weise anzuerkennen, sucht Ursula mit englischem Akzent nach dem deutschen Antonym für „regret“ in eine verdutzte Runde. Schnell löst sie auf: „Mein Mann ist inzwischen verstorben. Aber unsere Kinder sind wohlgeraten. Ich bereue nichts in meinem Leben. Reicht das nicht?“

Die Senioren resümieren und sinnieren, erinnern ein bisschen hier, abstrahieren ein bisschen dort. Wilma möchte noch einmal den Rhein an einem Tag entlangfahren, sagt sie: „Ströpen, wenn genügend Kröten da sind.“

In ihrem Elternhaus waren die Geschwister zu sechst. „Alle Kinder mussten helfen, und wehe, wir hatten mal schlechte Zensuren!“ Heute hat die Hilfe der Kinder im Haushalt nicht mehr solch ein Gewicht wie damals, weil es ihre Arbeitsplätze nicht mehr gibt: Ähren ausschlagen, Mehl mahlen, mit der Hacke den Boden auflockern, beim Bauern Bucheckern, Blaubeeren, Kastanien und Pilze ernten. Maronen, Steinpilze, Pfifferlinge und Wildchampignons – waren am Ende so manches Tages die Ernte von zwölf kleinen Händen. Die Kinder wussten: Manche dieser ‚Männlein aus dem Walde‘ konnte man nur ein Mal essen.– Und man konnte sich herrlich darüber streiten, ob in dem gleichnamigen Lied Von Fallerslebens anstelle eines Fliegenpilzes nicht doch eine Hagebutte gemeint war. Harmloser Zank wie dieser hat die Zeit für den Nachhauseweg so schön verkürzt.

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In der inszenierten Zerstreuung, die auch ein Schultheater liefern konnte, musste Wilma ihren Platz erst verteidigen: „Ich darf die Maria nicht spielen!“, empörte sich die damals Siebenjährige eines Tages vor ihrem Vater über das geplante Weihnachtsensemble ihrer Lehrerin. Gerade war er von der Nachtschicht nach Hause gekommen und legte die schwere Kleidung ab. Aber wer glaubt, ein arbeitender Mann im Deutschland der 50er-Jahre sehe zu, dass er Schlaf bekommt, hat das Personal Bethlehems ohne Herrn Graf aufgestellt: Der nahm seine Jacke vom Haken, ging in die Schule und sagte zur Lehrerin, wie uns Wilma mit den stolzen Augen eines Kindes zitiert: „Meine Tochter ist fleißig, die kann was und die spielt die Maria. Punkt.“ Und Wilma bekam die Rolle. Ob die ihr gut zu Gesicht stand, sei sich eine Schwester Wilmas bis heute nicht sicher. Die soll ihr erst kürzlich vorgehalten haben: „Immer wenn ich nach Hause kam, musstest Du in der Ecke stehen“.

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Für ihren Vater, stimmt Ursula ein, waren Fleiß, Gehorsam und die Mitarbeit im Haushalt „das Wichtigste im gemeinsamen Leben“. Mit einer gewissen Prise Trockenheit erzählt sie von der Tracht Prügel, die sie manchmal einstecken musste, wenn sie wieder einmal gewagt hatte, die Eltern mit manch kleiner Entscheidung eines noch kleineren Mädchens zu konfrontieren: „Ich war einfach zu dumm, ich habe immer die Wahrheit gesagt“.

Doch das Lügen war in einer Zeit ein tollkühnes Unterfangen, in der es politisch überlebenswichtig sein konnte, nicht aufzufallen. Für Charaktereigenschaften wie Übermut und Überheblichkeit scheinen Wilma und Ursula erst heute im Gespräch die richtigen Worte zu finden, sie zu beschreiben. Im kindlichen Verhalten hat es Gefühle, die nicht wenigstens schienen, als könnten sie von einem Erwachsenen in Schach gehalten werden, erst gar nicht geben dürfen. Bedürfnisse oder Bockigkeit hätten den Alltag durcheinander gebracht, der existenziell ganz anders zu bewältigen war.

Nein, überheblich sind die Damen auch heute nicht, wenn sie von all ihren Erfahrungen, Erlebnissen, Abenteuern und Erinnerungen sprechen. Dann lieber die Maria spielen, wenn die Rolle noch zu haben ist.

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