Guter Stoff und Schmuggelware

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Mein größter Wunsch war es, ein gekauftes Kleid zu besitzen. Nicht so ein selbst genähtes von Mutti, sondern eins aus dem Geschäft. Und ich bekam eins. Mit Pepita-Muster, schwarz und weiß.

„Manche Mütter nähten Etiketten in die selbst genähten Kleider“, erzählt Ursula schmunzelnd, „damit die Kinder glauben konnten, dass es sich um ‚eine echte Bluse‘ handelte.“

Bei der Sehnsucht nach dem Neuen, dem maschinell Gefertigten, nach ein bisschen Konformität ging es den Mädchen aus Ursulas Generation nicht um Unterhaltung oder Eleganz, etwa darum, zu einem Ausstatter zu gehen, damit der mit der Auswahl seiner neuesten Modelle bezaubern konnte. In einer Zeit, in der jede ihren Weg finden musste, heraus aus den Notbehelfen, war das Konfektionierte, das Fabrizierte, ja, war das von der Stange eben ‚das Echte‘.

 

Dieses ‚nicht irgendwie Defizitäre‘ funktionierte einfach. Es bestätigte eine schon beim Anziehen. In einem eingeschweißten Kleid spielte nicht die Hand der Mutter, der Ernährerin mit. In ihm, dem Gekauften, wurde nicht ihre Handschrift in der Naht und an Stellen sichtbar, die Töchter doch wieder bemüht hätten: Darin, Fehler großzügig betrachten zu müssen.

modeclipmodeclip2 1Nein, ein gekauftes Kleidungsstück ließ all das gerade vermissen, wonach man heute leidenschaftlich suchen muss: „Was würden wir geben für ein selbstgenähtes Kleid!“, fällt Katrin, 40 Jahre, beinahe entsetzt ein, dabei aber nicht weniger sehnsuchtsvoll als eben Ursula vor rund sechzig Jahren, als sie von ein bisschen Mode 08/15 träumte, inmitten einer Realität aus hochwertigen Materialien von Fingerhut und Nadelkissen.

Ursula hat lange als Wahl-Engländerin erst in Manchester und dann unten an der Südküste gelebt und ist nun nach mehr als der Hälfte ihres Lebens nach Deutschland, nach Oberhausen-Sterkrade zurückgekehrt. Hier im Streuselkranz trinkt sie ihren Kaffee englisch: nur einen Schuss mit viel Wasser, „Koffein in homöopathischen Dosen“, kommentiert Katrin liebevoll.

Ihre Oma scherte Schafe im damaligen Ostpreußen, erzählt Ursula weiter zum Thema Kleider, Stoffe und Mischmaterialien aus Fasern und Lebensfäden. Die Wolle „spann sie für wunderbare, weiße Trachtenjacken mit Rautenmuster“, berichtet die heute Fünfundsiebzigjährige, nicht weniger bestrickt rund um den Körper.

Und wie es zu einer fast schon klischeehaften Anekdote aus dem Armuts-Nähkästchen gehört, rollte mit der neuen Jacke von Oma auch ein kleines Fahrrad und mit dem Fahrrad platschte wie aus dem Nichts eine Pfütze aus Wasser und Matsch. Tante Groth von nebenan beobachtete den Unfall der kleinen Sonntagsbekleideten in ihrem Schafspelz und wusch ihr im heimlichen Einvernehmen zwischen den beiden die Jacke aus. Dann aber trocknete die Tante das nasse Stück an ihrem Ofen, sodass es bis zur Hälfte schrumpfte und beide flogen auf. „‚Wärst du nur zu mir nach Hause gekommen!‘“, muss die Oma dann erst richtig enttäuscht gewesen sein.

Auch ich profitiere von dem tradierten Wissen der Mütter und Großmütter, bekomme von Rosemarie Stricksöckchen geschenkt, die sie mir sorgsam in einer Tasche aus weisser Spitze mit Perlenbändern überreicht.

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 „Ich wohnte bereits in England“, erinnert sich Ursula, „als ich selbst nähen konnte“. Mit meinen angefangenen Röcken im Gepäck besuchte ich regelmäßig meine Eltern in Ostberlin. Sie durften nicht ausreisen und ich fühlte mich irgendwie verpflichtet. Eines Tages entfernten mir die Grenzbeamten am Checkpoint Charlie kommentarlos das Schnittmuster von dem zugeschnittenen Rückenteil meines Pullovers. „Ich hatte ihn ordentlich an den Rändern gesäubert und mit Nadeln zusammengehalten, teilweise schon genäht. Heute wären spitze Gegenstände und Flüssigkeiten Dorn im Auge jedes Sicherheitspersonals“, zögert Ursula gelassen die Pointe noch etwas hinaus. Das Problem von Ursulas Pullover damals waren nicht die Strick- oder Abstecknadeln, sondern die papierne Vorlage für Schultern und Arme, „die ich“, erzählt Ursula, „gedankenlos aus der Zeitung geschnitten hatte, aus dem politischen Teil der aktuellen New York Times.“

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