Hamstern in Hamminkeln

 

oldenkott

Wir hatten nichts. Nicht mal Nüsse zum Dreck machen.

„Bis abends hatte ich zwei Kartoffeln“, erzählt Rosemarie und setzt schnell hinterher, als könne man ihr wegen Vortäuschens eine gleich wieder streichen: „und eine Frau hat mir noch ein Butterbrot gegeben!“

Kohlen gleich Speck, Kartoffeln größer gleich Wirsing. Wer im Ruhrgebiet ohne das schwarze Gold rechnen musste, durfte auch in der größten Not nicht mitfeilschen. Um die staatlich zugeteilten Zigarettenrationen im Tausch gegen Brot, Fleisch und Fettmarken wurde zwischen Hausfrauen und jenen hart gehandelt, die den Hunger durch blauen Dunst betäubten. Nichtraucher konnten den Speiseplan einer ganzen Familie aufbessern, Raucher in den Nachkriegsjahren dem Genuss etwas von seiner Daseinsberechtigung zurückerobern. Heute könne sie keine Marmelade mehr essen, sagt Rosemarie. Bei der Erinnerung an die sogenannte ‚Schulspeisung‘, an Erbsenmehl und Rosinensuppe, werde ihr schlecht. Der Gedanke, der ihr als Kind angesichts der Ersatzmilchpampe kam, ist ihr dagegen heute noch appetitlich: „Wenn ich erst erwachsen bin, und es gibt alles zu essen, DANN…“

„Die Belgier und Engländer in Lüdenscheid“ — dort, wo Herr T. die Besatzer nach Kriegsende erlebte — flitschten die Stummel ihrer Zigaretten einfach achtlos auf die Wege. Und als hätten die filterlosen Tabakkrümel in den mickrigen Resten diversen Papiers ihren Namen von eben jenen, wurden „Stoppelhopser“ wie Herr T. gleich losgeschickt, sie aufzusammeln.

Ein Stock, an dessen Spitze ein Nagel befestigt war, gehörte auch zu dem täglich genutzten Werkzeug der Revierkinder. Mit ihm stachen sie das wertvolle Gut für die Väter auf und piksten sich untereinander in die Versen – auch, um etwas zurückzuerobern, etwas, das von Belang war. Die trockenen Blätter wurden herausgelöst und in die Pfeife gesteckt, zupft Herr T. empathisch in seine Erzählgeste. Wer keine Pfeife hatte, verinnerlichte sich die aktuellen Nachrichten im Zeitungspapier noch einmal durch Verbrennen, Inhalieren und Austreten.

Mit trockenem Stöhnen hustet Rosemarie noch heute in Erinnerung daran, „wie das gestunken hat!“ Die Männer portionierten den Tabak in luftdichten Blechdosen, erzählt sie, schichteten ihn im Wechsel mit Mohrrüben und Trockenpflaumen und vergruben die Melange aus Vitaminen und Nikotin dann in dem unvergleichlichen Klima eines Misthaufens: „Damit der Tabak schön feucht blieb!“

Jeder, der „qualmte“, nahm für die Veredelung seines Vergnügens in der Notzeit das, was er eben hatte, und was ihm später als Glimmstengel, Zigarre, -rillo oder -rolle Eintritt in die Küche des Nachbarn bescherte. Hier saßen sie dann, die hamsternden Hamminkelner, tauschten sich mit Sterkradern aus und guckten sich gegenseitig nicht in die Töpfe.

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