foodsharing

Mit Geld kürzen wir die Dinge ab. Wir nehmen ihnen ihre Komplexität und machen uns frei. Aber wollen wir nicht einfach andere versorgen mit dem, das wir gut können?


Bewusst zu essen, das stünde schon in der Bibel, sagt Katrin. Heute brauchen wir dazu mehr als „Wasser, Feuer, Eisen, Salz, Mehl, Milch, Honig, Wein, Öl und Kleider“, Kap. 39, V. 31. Raw Food und laktosefreie Ernährung, Chiasamen und Joghurtpilze machen uns in unserer Welt offenbar glücklich, in der wir das Wesentliche vergessen, eine Stulle mit Margarine zum Beispiel (ist zu ungesund), und das Unwesentliche vervielfachen (Algen, juweliertes Wasser und glutenfreie Gluten, Soja, Schnetzel und Schnitzelpizza). Hinter diese Welt können wir nicht zurück. Ja, aber wo wollen wir denn hin?

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Ihr Opa nur weg, erinnert sich Ursula, verhungert sei er auf der Flucht. Während des Zweiten Weltkriegs einfach zusammengefallen. Ihr anderer Großvater habe ihr daraufhin zur selben Zeit Gutes tun wollen und sie mit zu einem Bauern genommen, bei dem sie sich „mal so richtig satt essen sollte“. Am Abend wusste der kleine Magen nicht, was ihm mehr zusetzte: dieses plötzliche Essen im Bauch oder der Baldrian-Tee, den ihr der Opa dann gegen den unverhofften Nährstoffcocktail brauen musste.

Not zu einfachem Planen hat in Zeiten der Hungersnot in Deutschland klug gemacht. Unsere Gesellschaft heute ist so schön ‚möglich‘ geworden, dass wir uns nicht mehr anfassen müssen, wenn wir nicht wollen. Geld und Frieden geben uns weitgehend Freiheit und Zeit, Autonomie und vor allem: Unabhängigkeit. Mit Umsonstläden und Foodsharing versucht sich eine kleine Minderheit unter den ‚Moralaposteln‘ wieder etwas mehr an das echte Leben zu binden. Ungefähr so, wie Rosemarie und Frau Schmiedel in den 60er Jahren, als es besser zu werden begann…

Es war eine kleine Bäckerei, in der hat Rosemarie immer eingekauft. Eines Tages wollte sich Rosemarie zum Brot auch noch einen Tipp holen, wo man im Viertel jemanden finden könne, der Stachelbeeren verkauft. Ihr Mann aß die so gern eingekocht.

Das Überraschende muss ihm geschmeckt haben, im wieder etwas üppigeren Speiseplan zwischen Fleisch, exotischen Früchten und ‚Desserts aus aller Welt‘. Außen sauer und hart, fast ein bisschen pelzig und beinahe unangenehm krachend, wenn die Schale bracht. Aber innen: ein geschmeidig-süßer Gelee, der auch eingekocht nichts von seiner Unverschämtheit einbüßen musste. Eine kleine Explosion zwischen den Zähnen, die zu vernehmen sich nach all den Kriegs- und Nachkriegserzählungen Rosemarie heute kaum zu trauen scheint.

erholungFrau Schmiedel, die beim selben Bäcker einkaufte wie Rosemarie, musste von dem Stachelbeerinteresse Rosemaries erfahren haben und hinterlegte, mit der Verzögerung von einer Woche, in der Bäckerei einen Korb für Rosemarie. Als die ein nächstes Mal Brot kaufte, holte die Bäckersfrau zwischen dem „Weißbrot und dem Armeleutebrot“ die unverhoffte Ernte hervor mit der Bemerkung, das habe eine Frau Schmiedel für Rosemarie hinterlegt, und löste bei der nun schiere Panik aus. „Was mag das wohl kosten, hab ich so viel Geld?“. Rosemarie fuhren Gedankenkreise durch Kopf, Hals und Bauch, doch schließlich nahm sie sich ein Herz und fuhr kurzer Hand zu der ihr Unbekannten. Und da sagte Frau Schmiedel, als sich die Frauen zum ersten Mal begegneten:

„Nein, kein Geld, die Stachelbeeren kriegen sie geschenkt!“

„Ich wusste gar nicht, wie mir geschah“, erzählt Rosemarie, und dass sie Frau Schmiedel, die sie später „Oma Schmiedel“ nennen würde, dann einmal in ihrem Zuhause besuchte. „Aber nur ein Mal!“ setzt Rosemarie mir schnell nach. Denn sich „nicht auf der Pelle zu hängen“ war in diesem unsicher verkniffenen Nachkriegsdeutschland so wichtig wie der Vorteil, den man durch neu geknüpfte Freundschaften erwarb. Gut zwanzig Jahre nach dem Tod des Diktators, dem Einmarsch der Besatzer und dem Kochen falscher Krebssuppen wurden im ersten Affekt die eigenen Überlebensvorteile abgewogen, so nach dem Leitspruch: „Wirst du einem Gastgeber nicht zu teuer, darfst du wiederkommen“.

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In der Wohnung ihrer neuen Obstfreundin, die Rosemarie also nur ein Mal besuchte, sah Rosemarie einen Kohlenherd stehen, der mit Kohle und Holz geheizt wurde. Da ihre Familie eine Schreinerei hatte, orderte Rosemarie nun fortan Stachelbeeren bei Oma Schmiedel im Abo, kitzeligen Saft auf der Zunge, und gab Oma Schmiedel dafür Restholz und Spahn, den Rosemaries Kinder hinter dem Schuppen stapelten. „Sie können immer Holz von uns haben, sie brauchen das nicht von uns kaufen!“, zitiert sich Rosemarie beteuernd selbst, noch heute ganz lebendig mit rotwangiger Fruchtfreude, „und kochen muss ich übrigens immer für sieben Personen, da wird auch eine achte noch satt“, habe sie Oma Schmiedel unterbreitet, ein Angebot, auf dass die gut dreißig Jahre Ältere gleich einging. Auf eine Uhrzeit habe sich Rosemarie allerdings nicht festlegen können, weil sie ihre vier Kinder betreuen musste und mittags mit Rotznasen und Verdauung beschäftigt war. Oma Schmiedel schlug dann vor: „Wenn bis zwei nichts da ist, mach ich mir ein Butterbrot.“

Und so funktionierte der Tauschhandel der Frauen, so lange Oma Schmiedel lebte: sich am Feuer wärmte, Beeren verteilte und sich ihres kleinen Netzwerks sicher sein durfte.

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