Tinte süppeln und demütlich sein

„Ach auf’m Markt is nix, ach watt!“, winkt Erika ab, als Rosemarie ihr mit unerschütterlicher Tapferkeit vorschlägt, einen Einkaufsbummel durch das Oberhausen Sterkrader Zentrum zu machen, „da gibbet nix Anständiges, nur noch 1-Euro-Shops und Woolworth.“ Kaufhäuser wie einst Horten, Braun und Mensing seien Vergangenheit. Dort seien die Verkäufer noch mit Nadelkissenarmband – zum Abstecken langer Hosenbeine und schlabberiger Ärmelbündchen – zwischen den Drehständern herumgeflitzt. Selbst diese Großen ließen nach, ab und zu zücke eine engagierte Textilfachverkäuferin mal ein Maßband, aber der Service habe sich verloren. Stecken geblieben sei er irgendwo zwischen Amazon und den Zehn-Prozent-Preisnachlässen auf ausgeblichene Mängelexemplare mit gestempelter Schnittkante.

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Lakritz in der Wolle – mit Raumfahrthelmen weg, Ihr Läuse!

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Erika spielte leidenschaftlich gern Fussball, „Torhüterin im Betriebsfussballverein war ich gewesen, so’n zusammengewürfelter damals bei Thyssen Krupp. Danach habe ich immer zwei Flaschen Wasser auf ex getrunken, haben uns so angestrengt“, poltert die aufgeräumte Dame mit den klaren Ansagen, so bellend-herzlich, lachend in das heutige Erzählcafé der Gute Hoffnung – leben in Oberhausen Sterkrade hinein.

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Von Scheibenkleister, Rhesusäffchen und dem „VeTegariersein“ in Zeiten des gottlosen Smartphones

„Näh, von Wasser krieg‘ ich Läuse in ’n Bauch“, winkt Heide ab, als ich ihr ein Glas einschenken will. Es ist Samstag, der letzte im Monat August, und es sind 32 Grad im Schatten. Erika trocknet sich den Schweiß mit einem umhäkelten Stofftaschentuch von Stirn und Dekolleté, auf dem ein in Gold gefasster Aquamarin gegen die Luftfeuchtigkeit über Erikas Puls anzufunkeln versucht. Katrin verteilt Frischkäseküchlein und dünnen Kaffee, genau die richtige Atmosphäre, um über eine Zeit nachzudenken, in der man in seinem Leben zu viel gearbeitet hat…

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Krach mit der Schale von Äpfeln haben

„Mein Mann ist für Sport und Technik“, sagt mir Ingrid. Sie spricht im Präsens von ihm, besucht ihn täglich von 15 bis 17 Uhr auf dem Sterkrader Friedhof und gibt mir zu verstehen, dass sie heute auch „nur ganz ausnahmsweise“ am Erzählcafé teilnehme, „die Stunden zwischen drei und fünf gehören meinem Mann“. Ihre gemeinsamen Kinder hätten schon auf Ingrid eingeredet, die täglichen Verabredungen auf drei Tage in der Woche zu reduzieren, aber da sagt Ingrid, auch uns: „Ich habe ihm aber noch so viel zu erzählen.“

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Ich finde dieses Europa sehr schön

„Die Alten haben nicht an die Jungen gedacht, nur an sich selbst“, nuschelt Horst in seine Kaffeetasse, heute, am 24. Juni 2016. Der Brexit hängt den Bewohnern der Gute Hoffnung in den Mündern fest, kürzlich passiert und schon lästig, ärgerlich so irgendwo zwischen Zähnen und Hals. Ursula, die wegen der Liebe ihres Lebens lange Zeit in England gelebt hat, kommentiert da mit etwas mehr Schmackes den drohenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union: „Die sind enttäuscht und nun können sie nicht zurück. Die haben aus Protest gewählt, die wollten eigentlich, dass man drin bleibt, aber: Weit gefehlt! Da ist der Boris jetzt sprachlos.“

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Kirmes Heiligabend

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„Nächsten Monat muss das Erzählcafé ausfallen“, begrüßt mich Kathrin, in gewohnt trällernder Melodie und mit doch fester Absicht auf der Inhaltsebene, „da ist hier in Sterkrade Fronleichnamskirmes!“. Kurz stelle ich mir Helga, Hermann und Edith in der Krake vor, wie sie kopfüber durch die Luft wirbeln und Zuckerwolken aus der Luft verkasematuckeln, will protestieren, dass wegen eines Riesenrades wohl kaum eine Veranstaltung mit Senioren im zweistelligen Bereich ausfallen könne, da werde ich erstmal ‚getauft‘…

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Bückling kann ich nich, auch nich mit Sekt

eingang„Fisch oder Fleisch?“ fragt Heinz, als wir über unsere Festtagsmenü-Pläne zu Ostern sprechen. „Als ob Du Fisch machen würdest“, streichelt Helga, seine Frau, ihm sanftmütig-rüffeln über den Arm und lacht. „Stockfisch, und getrockneten Fisch auch, hehe“, kichert Heinz und findet sich dabei selbst sehr liebenswürdig.

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Datt krich ich auch mit starker Lupe nich mehr hin

Der Lauf des Grendbachs machte einen Schlenker unter sein Haus, erzählt er mir, genauer: zwischen der Waschküche und der Vorratskammer seines Wohnhauses in Essen-Steele. Die Grenze zwischen dem Rheinland und Westfalen, sie wurde entschieden von der untersten Stufe der Treppe des Kellers von Horst.

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All we have to do: Kunst rauslassen!

Der Weg zur Guten Hoffnung

Blitzschnell haben sie mich fixiert: Zwei kleine Mädchen mit Zöpfen und Zottelpony, die bis eben noch aus Schaumstoffwürfeln, Trapezen und Halbrundsäulen ihr Reich vor das bodentiefe Fenster gebaut haben. Aus der Neuapostolischen Kindertagesstätte NAKiTa folgen sie mir mit Nasen an der Scheibe, den ganzen Fußweg „An der Guten Hoffnung“ entlang, bis ich mit meinem Sohn in der Trage das Seniorenzentrum Gute Hoffnung leben und wohnen erreicht habe. Hier ereignet sich heute am 29. Oktober 2015 das „2. Sterkrader Symposium über quartiersnahe Versorgungskonzepte für Menschen mit Demenz“.

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